Routinetätigkeiten machten in den USA 1975 noch 60 Prozent aller Beschäftigungen aus, heute sind es 40 Prozent. Die Europäische Kommission für Beschäftigung, Soziales und Integration sagt voraus, dass abnehmende Nachfrage nach Routinetätigkeiten bis zum Jahr 2020 voraussichtlich rund vier Millionen gelernte Arbeiter und rund zwei Millionen Büroangestellte ihren Arbeitsplatz kosten wird.

So weit, so wenig beunruhigend für alle, deren Arbeit sich nicht "wie im Traum, völlig automatisch" erledigen lässt. Aber die Grenze zwischen Wissensarbeit und Routinetätigkeit wird mit jeder Unternehmensgründung, jeder App, jedem Crowdsourcingprojekt neu gezogen.

Auf die Automatisierung von Routinetätigkeiten durch Maschinen folgte die Automatisierung und Vereinfachung durch Software. Schon seit den 1990er Jahren erledigen auch Menschen ohne Zehn-Finger-Tippfähigkeiten zunehmend ihren eigenen Schriftverkehr, anstatt ganze Abteilungen von Schreibkräften zu beschäftigen. Heute gibt es in Deutschland noch halb so viele Sekretärinnen wie vor 15 Jahren.

Diese Digitalisierung von Arbeitsprozessen wiederum ermöglicht es, Tätigkeiten, die bisher in einem klar umrissenen Beruf untergebracht waren, in kleinere Einheiten zu unterteilen und an Freiwillige zu delegieren – bezahlt etwa bei Amazon Mechanical Turk, unbezahlt in der Wikipedia. Im Moment sind es die Veranstalter von Sprachkursen auf Einsteigerniveau und die Anbieter kostenpflichtiger Onlinesprachkurse, die herausfinden, dass ihre Berufe weniger resistent gegen die Umbrüche der Digitalisierung sind als bisher angenommen.

Die im Juni 2012 gestartete kostenlose Sprachlernplattform Duolingo bietet derzeit sechs Sprachen an: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch und brasilianisches Portugiesisch. Im Sommer 2013 hatte der Dienst über fünf Millionen aktive Nutzer. Duolingo bewarb die eigene Android-App im Mai dieses Jahres mit dem für mehrere Branchen beunruhigenden Satz "We won’t rest until people stop paying for language learning apps". Der in Guatemala aufgewachsene Duolingo-Gründer Luis von Ahn begründet diese Entscheidung damit, gerade diejenigen, die Fremdsprachkenntnisse zur Verbesserung ihrer Berufschancen am nötigsten hätten, könnten sich Sprachkurse oder kostenpflichtige Sprachlernsoftware am wenigsten leisten.

Software und Freiwillige ersetzen Fachleute

Auch für die Übersetzer von Gebrauchstexten steigt die Flut, denn Duolingo finanziert sich, indem die Sprachkursteilnehmer dazu ermutigt werden, zu Übungszwecken gemeinsam Zeitungsartikel zu übersetzen. Für die überraschend soliden Ergebnisse bekommt Duolingo Geld von zwei ungenannten amerikanischen Medienkonzernen. In einem Reddit-"Ask me anything"-Interview gibt Luis von Ahn an, die Übersetzungen seien "as accurate as those from professional translators". Offenbar lassen sich Fachleute auch hier durch ein paar zusammengebundene Freiwillige und etwas Software ersetzen.

Demnächst wird es noch etwas enger für die Konkurrenz, denn am 9. Oktober führt Duolingo den "Language Incubator" ein, mit dessen Hilfe Freiwillige selbstständig neue Sprachenpaare in das Duolingo-System einpflegen können. Zunächst sollen nur die vorhandenen Sprachen so erweitert werden, dass sie mit anderen Ausgangssprachen als Englisch erlernbar sind, also etwa "Spanisch für Deutsche". Danach ist geplant, die Plattform für alle Sprachen zu öffnen, an denen die Nutzer Interesse zeigen – neben Chinesisch, Russisch und Japanisch also voraussichtlich also auch Dothraki, Klingonisch und Esperanto.

Na gut, wird man eben kein Sprachkursveranstalter oder Übersetzer, viel Geld war da sowieso nicht zu holen, sondern stattdessen zum Beispiel Jurist. Aber auch im Juristenberuf werden die Grenzen der Routinetätigkeiten neu definiert. Auf der Website des Mitte September 2013 gestarteten Berliner Unternehmens SmartLaw können Unternehmen und Privatpersonen sich in Frage-Antwort-Dialogen rechtssichere Verträge zusammenklicken. Im Angebot sind derzeit Arbeits-, Miet- und Autokaufverträge sowie Vorsorgevollmachten.

Routine hat auch etwas Luxuriöses

Die "sehr einfachen lebensnahen Fragen" haben zwar noch nicht viel mit dem zu tun, was Nichtjuristen für einfach oder lebensnah halten, aber das sind vermutlich Kinderkrankheiten. In den USA gibt es schon seit einigen Jahren Angebote wie LegalZoom, Rocket Lawyer oder LawPivot, die darauf hindeuten, dass auch im juristischen Berufsalltag nicht unbedingt alles von Experten handgeschnitzt werden muss. SmartLaw-Gründer und Rechtsanwalt Daniel Biene sagt im Förderland-Interview: "Anwälte arbeiten heute noch völlig analog. Dort wird Manufakturarbeit betrieben, mit allen Vor- aber auch Nachteilen, einschließlich der Fehleranfälligkeit. Bei uns laufen die Arbeitsprozesse vollständig automatisiert. Das führt zu einer sehr hohen Skalierbarkeit und somit letztlich auch zu den niedrigen Preisen."

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Geschehen zu deuten. Verursacht einem die Digitalisierung schlechte Laune, dann kann man annehmen, dass Menschen, die bisher zu einem richtigen Anwalt oder Notar gegangen wären, bei SmartLaw billigeren, aber schlechteren Service bekommen. Wer kein rosiges Bild von der Anwaltsbranche hat, kann sich hingegen auf den Standpunkt stellen, dass gute Software in vielen Fällen besser ist als ein unerfahrener oder unmotivierter Jurist, die Nutzer also im Schnitt gleich guten oder besseren Service bekommen. Oder man kann in einer dritten Variante davon ausgehen, dass Menschen, die vorher überhaupt keinen anwaltlichen Rat gesucht hätten, durch SmartLaw erstmals irgendeine professionelle Beratung erhalten. Hier wäre auch Luis von Ahns Vermutung unterzubringen, dass Duolingo eine Zielgruppe anspricht, die bis dahin gar nicht an Sprachkursen teilgenommen hat.

Gibt es eine Komplexitätskonstante?

Duolingo wird nicht gleich sämtliche Sprachlehrer und Übersetzer arbeitslos machen, SmartLaw nicht alle Juristen, Quill und Automated Insights nicht alle Journalisten, Universitätskurse im Netz nicht alle Hochschullehrer. Aber die Veränderungen nagen am Routineanteil aller Berufe.

Eine Weile habe ich selbst im Zusammenhang mit dem Zufallsshirt argumentiert, es könne doch für Grafiker nicht angenehm sein, den Tag mit dem stumpfsinnigen Gruppieren der Worte "New York Urban Streetstyle Fashion Trend" zu generischen T-Shirt-Motiven zuzubringen. Nachdem ich diese Meinung diverse Male vorgetragen hatte, fiel mir auf, wie erholsam die Routineanteile meiner verschiedenen Tätigkeiten sind, und wie anstrengend ihr jeweiliger Kern. Routine, sofern sie nicht in gnadenlosem achtstündigen Stumpfsinn besteht, hat auch etwas Luxuriöses.

Vielleicht bringt das Ende der Routine wenigstens das Ende des Achtstundentags mit sich. Vielleicht gibt es aber auch eine Komplexitätskonstante im Universum, die freiwerdende Arbeitszeit füllt sich mit neuen, gerade noch bewältigbaren Komplikationen, und so, wie das Gehirn das Zeitunglesen beim Einradfahren auf dem Hochseil ermöglicht, wird es uns in die Lage versetzen, auch weiterhin die Hälfte dieser Arbeit zu erledigen, ohne hinzuschauen.