Biohacker Tim Cannon experimentiert mit Implantaten. © Grindhouse Wetware

Die Anhänger der Quantified-Self-Bewegung, die begeisterten Selbstvermesser, warten darauf, dass Nike am heutigen Dienstag ein neues Fitness-Armband vorstellt. Sie wollen es sich ums Handgelenk schnallen und ihre Körperfunktionen vermessen. Tim Cannon ist beim Projekt Selbstoptimierung längst weiter. Er bekommt sein Körperfunktionsmessgerät namens Circadia am Donnerstag in Essen in den Unterarm implantiert.

Cannon ist Mitgründer von Grindhouse Wetware, einem Zusammenschluss von Biohackern, Programmierern, Bastlern und Künstlern, und er ist ihr Versuchskaninchen. Die Gruppe arbeitet in Pittsburgh, Pennsylvania, an der Verschmelzung von Mensch und Technik. Das Projekt Circadia ist dabei der vorläufige Höhepunkt – und doch kaum mehr als ein Anfang.

Einen Magneten trägt Cannon schon unter der Kuppe seines linken Ringfingers, einen RFID-Funkchip in der Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger. Wer genau hinsieht, kann den Chip sehen.

Mit dem Magneten kann der 34-Jährige elektromagnetische Felder wahrnehmen, es ist eine Art sechster Sinn, wenn auch ohne echten praktischen Nutzen. Den RFID-Chip will er zum Beispiel mit dem Schloss zu seinem Kellerlabor koppeln – die Tür ginge dann nur auf, wenn seine Hand in der Nähe der Türklinke ist. Auf ähnliche Weise könnte er sein Smartphone sichern, außer ihm wäre niemand in der Lage, es zu benutzen. Ein Freund von ihm will dasselbe mit einer Schusswaffe tun – nur er selbst könnte sie abfeuern.

Nun also das Circadia. Es soll zunächst die Körpertemperatur messen und die Messwerte per Bluetooth an Cannons Smartphone übertragen. Ein subkutanes Fieberthermometer. Um außerdem einen gewissen Wow-Effekt zu erzielen, hat das Implantat drei grüne LEDs, die Cannon von außen aktivieren kann. Das Gerät wird unter ein Tattoo auf die Innenseite des Unterarms gesetzt, die LEDs bringen dann das Tattoo zum Leuchten.

Ein Sensor, der den Puls misst, sollte ursprünglich ebenfalls eingebaut werden. "Wir haben aber keinen Platz dafür gefunden", sagt Cannon, "der Sensor ist zu dick". Schon jetzt hat das Circadia die Größe einer Kreditkarte und ist einige Millimeter dick. Cannon muss es von einem Body-Modification-Spezialisten einsetzen lassen, ohne Betäubung. Einen Arzt, der das machen würde, hat er nicht gefunden. Die Version, die Grindhouse Wetware in Zukunft verkaufen will, soll den Pulsmesser aber bekommen, sagt Cannon.

Aber warum sollte sich jemand etwas implantieren lassen, wenn es Armbänder von Nike, FitBit und Jawbone gibt, die ebenso gut zur Selbstvermessung taugen? "Es ist vor allem ein psychologischer Unterschied", sagt Cannon. "Etwas, was du nur trägst, ist kein Teil von dir. Wenn es dagegen in dir steckt, fühlst du dich damit verbunden, und du nutzt es viel intensiver." Cannon und seine Biohacker wollen den menschlichen Körper erweitern, dafür wollen sie unter die Haut.

Open-Source-Organe im kommenden Jahrzehnt

"Ich weiß, dass die Mehrheit der Menschen noch nicht bereit dafür ist", sagt er. "Das wird erst der Fall sein, wenn irgendein Anzugträger die Implantate verkauft und wenn das Einsetzen nicht mehr mit Schmerzen verbunden sein wird. Fürs Erste wird es etwas für die BodyMod-Szene und die Freaks bleiben, und ich finde das auch gut so. Die sind offener und mutiger als andere."

So nahe sich Cannon der Quantified-Self-Bewegung im Prinzip auch fühlt, eigentlich hat er wesentlich größere Ambitionen. Der Cyborg, das Mensch-Maschinen-Wesen, ist für ihn nur ein Zwischenschritt. Innerhalb der nächsten zehn Jahre will er anfangen, menschliche Körperteile durch künstliche Open-Source-Organe zu ersetzen. Künstliche Herzen gebe es schließlich schon, sagt er – nur warum solle man warten, bis das eigene Herz schwächer wird oder man einen Infarkt erleidet?

Das ultimative Ziel, sagt er bei einem Vortrag für den Cyborgs e.V. (in Gründung) in Berlin, sei es, "die Biologie hinter uns zu lassen." Der menschliche Körper sei "fundamental fehlerhaft". Cannon würde am liebsten sein Bewusstsein auslagern, "in irgendetwas, das nicht verrottet, während ich rede".

Vom Kompass im Körper zur Unsterblichkeit

Es sind die Idealvorstellungen der Transhumanisten wie Ray Kurzweil: eine neue Phase der menschlichen Evolution, mit dem Ziel der Unsterblichkeit.

Der Mensch habe derzeit nicht die geeignete Hardware, um die Probleme zu lösen, die er selbst verursacht hat, sagt Cannon. Er müsse die Natur überwinden, andernfalls drohe er auszusterben. Wenn es darum geht, diese Probleme genau zu definieren, weicht Cannon allerdings aus. Man könnte ihn als Anhänger des "Solutionismus" bezeichnen. Der Netzphilosoph Evgeny Morozov hat diesen Begriff geprägt. Er bezeichnet den Drang, die großen, komplexen Probleme der Menschheit als lösbar anzusehen, wenn man nur den richtigen Algorithmus, die richtige Technik dazu verwendet.

Man kann Cannon auch als Spinner, Träumer oder – wohlwollender – als Visionär bezeichnen. Die Theorie ist aber auch nicht seine eigentliche Stärke. Cannon macht einfach. "Die Technik ist doch vorhanden", sagt er. Die Menschen hätten nur Angst, ihre Haut aufzumachen, sie hielten ihren Körper für sakrosankt. "Klar brauchen wir eine Debatte, brauchen wir einen ethischen Rahmen – aber das ist nicht mein Job. Das sollen Menschen mit Abschlüssen in Philosophie tun. Ich habe genug im Labor zu tun."

In den nächsten Monaten und Jahren will unter anderem Cochlea-Implantate hacken und an einem Projekt mit dem Namen North Star arbeiten. Das soll ein sternförmiges Implantat für den Handrücken werden, das auf Druck von außen reagiert und aufleuchtet, wenn die Hand nach Norden zeigt.

Zunächst aber soll das Circadia zur Marktreife gebracht werden. Cannon sagt, die Killer-Applikation dafür wäre ein Stressmessgerät. Wenn das Implantat dem Träger melden könnte, dass er gerade gestresst ist und sich entspannen sollte, würden sich dafür genug Käufer finden. Cannon arbeitet noch als Programmierer, um über die Runden zu kommen. "Vielleicht können wir Grindhouse Wetware aber schon sehr bald hauptberuflich betreiben", sagt er. Es gebe einen möglichen Investor, der ihm und seinen Mitstreitern das nötige Startkapital zur Verfügung stellen könnte.

Angst vor Schmerzen hat er übrigens ebenso wenig wie vor Datenschutzproblemen oder der Sicherheit seiner Implantate vor Hackern. Er sagt: "Ich laden jeden von euch ein, das Circadia-Implantat zu hacken und meinen Arm nach Belieben aufleuchten zu lassen, um mir zu zeigen, dass ich es sicherer machen muss."