Ein paar Cent für die Recherche eines Logos, einer E-Mail-Adresse, einer Website. Ein paar Euro für eine Hotelbeschreibung, für kurze Onlineshop-Texte, für das Ausfüllen eines Fragebogens. So sieht der Alltag eines digitalen Mini-Jobbers aus. Die Automatisierung der Arbeit schreitet voran, aber noch immer gibt es Dinge, die können nur von Menschen erledigt werden. Videos verschlagworten, Datenbankeinträge überprüfen, Apps testen. Neun Cent hier, 15 Cent dort, zwei Euro da. Und am Ende hat man dann 5,67 Euro verdient. Ist der schicke Begriff Cloudworking nur ein neues Wort für Ausbeutung? 

Auf den ersten Blick scheint sich das zu bestätigen: Mechanical Turk, die 2005 von Amazon gegründete Plattform, gilt als Pionier der Szene – und hat ihr zugleich ihren schlechten Ruf verpasst. Aufträge würden nach Asien ausgelagert, so der oft formulierte Vorwurf, wo digitale Tagelöhner für wenige Cent schuften, in Vorleistung gehen müssen und am Ende selten korrekt bezahlt werden. Bei Mechanical Turk fängt die Entlohnung tatsächlich bei einem Cent pro Klickjob an. Bei Portalen wie oDesk und Elance bieten ausgebildete Grafikdesigner aus Bangladesch, Pakistan oder Indien ihre Arbeitskraft teilweise für unter zehn Dollar pro Stunde an.

Vernichtet das auch in Deutschland Arbeitsplätze? Unterhöhlt es jede Form von angemessenem Mindestlohn? Tatsächlich hat sich die Art der digitalen Arbeitsvermittlung in den letzten Jahren radikal verändert. Zum Outsourcing kam das Crowdsourcing hinzu. Zahlreiche Plattformen haben sich darauf verlegt, Großaufträge in kleine Häppchen zu splitten, von Menschen auf der ganzen Welt erledigen zu lassen – und die Ergebnisse dann wieder zusammenzufügen. Microtasking nennt man das. Niemand, so das Flexibilitätsversprechen, bekommt dabei Arbeit aufgebrummt, für die er gerade keine Zeit oder auf die er keine Lust hat: Der Nutzer entscheidet selbst, wann er welchen Mikroauftrag annehmen und ausführen will.

Lohnarbeit nach dem Prinzip des Kleinviehs könnte man das nennen. Und die scheint auch bei deutschen Arbeitnehmern beliebt zu sein. Die Nutzerzahlen wachsen auf allen inländischen Plattformen stetig. Bei Clickworker, der deutschen Antwort auf Mechanical Turk, allein von 14.000 im Jahr 2010 auf 464.000 im Oktober 2013. Dabei liegen die Preise für die einfachsten Aufgaben auch hier im Centbereich.

Nebenjob für Studenten

Mit der Lohndumpingpraktik der amerikanischen Konkurrenz will man dennoch nichts zu tun haben. "Wir haben keine Clickworker aus Fernost", erklärt Unternehmenssprecherin Ines Maione. Das hat vor allem mit der Art der Aufgaben zu tun, die die Firma mit Hauptsitz im Essen im Auftrag ihrer Kunden verteilt: Meist geht es um Produktbeschreibungen für Onlineshops – was besser bezahlt wird als andere Klickjobs. Dafür braucht man allerdings Muttersprachler. Ein Viertel der Clickworker stammt aus Deutschland, ein weiteres Viertel aus den USA, der Rest kommt aus europäischen Ländern sowie Südamerika, Kanada und Australien.

Wer als Clickworker Geld verdienen will, muss zunächst ein paar Tests erfolgreich durchlaufen, erst danach wird man für bestimmte Aufgaben zugelassen. Wenn man sich hochgearbeitet hat, kann laut Maione zwischen neun bis zwölf Euro pro Stunde verdienen. Zu den am besten bezahlten Jobs zählen die, bei denen es ums Schreiben geht – meist lassen die Auftraggeber suchmaschinenoptimierte Kurztexte erstellen. Die meisten angemeldeten Clickworker sind Studenten. "Die Tätigkeit ist ausdrücklich als Nebenjob gedacht." Zu den Kunden zählen die Deutsche Telekom sowie Groupon und Honda. "Und viele andere große Unternehmen", die die Sprecherin aber leider nicht beim Namen nennen darf. Noch möchte offenbar nicht jede Firma mit der neuen Arbeitsweise in Verbindung gebracht werden.

Die Nutzer haben offenbar weniger Berührungsängste. Was früher Nachhilfe, Kellnern oder Babysitten war, ist heute also der digitale Nebenjob: Auch bei Crowd Guru, einem Start-up aus Berlin, das sich ebenfalls auf Microtasking spezialisiert hat, sind bereits 12.000 arbeitswillige Nutzer registriert, 95 Prozent stammen aus Deutschland, meist sind es Studenten. "Die Guten und Schnellen kommen auf rund zehn Euro pro Stunde", sagt Geschäftsführer Philipp Hartje. Unangemessen findet er das nicht: "Es sind Aufträge auf Werkstudentenniveau."