Sven-Ola Tücke wohnte lange am Berliner Alexanderplatz. Von seinem Balkon im zwölften Stock aus hatte er eine tolle Aussicht über Berlin. Eines Tages entdeckte er, dass ihm sein Balkon sogar den Blick in eine andere Welt eröffnen konnte. Tücke stand mit seinem Laptop auf dem Balkon, 2004 war das, erinnert er sich noch heute. Damals setzten sich gerade WLAN-Router durch und brachten drahtlose Internetverbindungen in die Wohnungen. Tücke empfing auf seinem Balkon mehrere solcher Funksignale. Eines davon sei ihm sofort aufgefallen, sagt er, weil es unverschlüsselt war. Es machte ihn neugierig, er wollte wissen, wer es sendet.

Wie Tücke schnell herausfand, war er auf ein Funknetzwerk der Freifunk-Initiative gestoßen. Der Berliner Verein begann damals, ein dezentrales, drahtloses Netz aus vielen einzelnen Funkzellen aufzubauen. Speziell konfigurierte WLAN-Router lassen jeden, der will, ins Internet. Die Besitzer stellen sie und die Bandbreite, die sie bei ihrem Provider gebucht haben, genau zu diesem Zweck der Allgemeinheit zur Verfügung.

Das Funknetzwerk, das Tücke 2004 entdeckt hatte, war nicht zufällig ohne Passwortschutz. Es war keine Nachlässigkeit der Betreiber, es war die Idee, Freifunk wird sie deswegen genannt: Die Betreiber wollen ein offenes Netzwerk. "Wir bieten anonymen Internetzugang ohne Anmeldung", sagt Tücke. Er nahm zu der seit 2003 existierenden Gruppe der Freifunker Berlin Kontakt auf und schloss sich an. Auch auf seinem Balkon gab es fortan eine Funkzelle. Das Netzwerk hatte einen Knotenpunkt mehr.

Für die, die darüber surfen, ist es nicht nur kostenlos, sie bleiben auch anonym. Freifunk stellt spezielle Software für die Router bereit, die sämtlichen Datenverkehr maskiert. Damit ist das Netz eine Alternative zu den Internetangeboten großer Provider wie der Telekom. Zehn Jahre ist der Verein gerade alt geworden. Und die NSA-Affäre zeigt, wie relevant die Idee des Freifunks immer noch ist – und dass es wünschenswert wäre, würden mehr Internetnutzer sich so vernetzen.

Nutzer behalten die Kontrolle

Die Freifunk-Netze sind eher klein und lokal, aber die Idee dahinter ist inzwischen eine weltweite Initiative. Jeder verwaltet dabei nur seinen eigenen Router, so bleibt die Kontrolle über das Netz bei den Nutzern, nicht bei Firmen, die Geheimdiensten Informationen über die Kunden verraten könnten. Anders als große Provider wie die Telekom sammeln die Router des Freifunk Berlin keine Kundendaten.

Auch ein Bürgernetz kann ausgespäht werden, wenn die Kommunikation darin nicht verschlüsselt ist, sagen die Freifunker. Aber der Ertrag der Schnüffelei wäre geringer, es wäre mehr Aufwand, da es keine zentralen Server, keine zentrale Datenverwaltung gibt.

Mittlerweile arbeitet Tücke seit fast zehn Jahren an der Idee eines Bürgernetzwerks mit. Rund 100 aktive Mitglieder hat die Berliner Initiative, schätzt er. Das Berliner Netz besteht aus etwa 150 Knoten und 23.000 registrierten IP-Adressen von Computern. Pro Stunde sind laut Tücke rund 400 Benutzer im Netz aktiv. Auch in vielen anderen Städten weltweit gibt es Freifunk-Communitys.

Mit der Idee eines dezentralen Netzes in der Hand der Bürger konnten die Freifunker die breite Bevölkerung allerdings bisher nicht begeistern: Bald nachdem Tücke auf seinem Balkon das Funksignal der Freifunker bemerkt hatte, bot die Telekom vielerorts schnelle DSL-Tarife für zu Hause an. Die Masse der Deutschen zahlt lieber an den Monopolisten.

Die meisten Menschen wollen keine WLAN-Boxen auf dem Balkon pflegen, keine Software warten, keine Bandbreite teilen, wie es die Freifunker tun. Lediglich in Gebieten, wo Internetanbieter keine Kabel legten und die Versorgung insgesamt schlecht war, hatten mehr Menschen Interesse an einer Alternative wie Freifunk.

Der BND zapft zentralen Internetknoten an

Spätestens seit US-Whistleblower Edward Snowden ein weltweites, staatlich gesteuertes Überwachungsprogramm der Geheimdienste aufgedeckt hat, wissen die Internetnutzer, dass ihre Kommunikation abgehört werden kann.

Es heißt oft, das Internet sei dezentral. Aber die Netzanbieter haben eine Infrastruktur geschaffen, auf die das nicht zutrifft. Es gibt mächtige Datenumschlagplätze, wo der Internetverkehr zusammenläuft. Zum Beispiel gibt es den Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main. Die Geheimdienste wären dumm, würden sie nicht an solchen Flaschenhälsen ansetzen mit der Ausspähung. Sie tun es.