Im November des vergangenen Jahres passierte etwas Seltsames. Etliche computeraffine Freunde von mir verbrachten plötzlich jeden Tag mehr Zeit im Freien als ich in einer ganzen Woche. Und das im bitterkalten Winter 2012. Sie gingen Ingress spielen, dieses neue Augmented-Reality-Spiel aus dem Hause Google, das man auf seinem Smartphone spielt.

Als angehende Ethnologin stellte ich die naheliegendste Frage: Warum zum Teufel tut ihr das? Daraufhin passierte immer wieder dasselbe: Ein begeisterter Ingress-Spieler versuchte mir zu erklären, was Ingress ist und ich verstand kein Wort. Also beschloss ich, im Rahmen einer ethnologischen Feldforschung es selber zu spielen und Interviews mit Spielern zu führen, um das Spiel zu verstehen und herauszufinden, was daran so faszinierend ist.

Was Ingress von einem Spiel wie Tetris unterscheidet, ist, dass die Spieler sich zum Spielen tatsächlich bewegen müssen. Es reicht nicht, auf sein Smartphone zu starren. Man muss auf sein Smartphone starren und dabei gleichzeitig Fahrrad fahren können.

Per GPS wird der eigene Standort ermittelt und auf einer modifizierten Google-Karte angezeigt. Ebenfalls darin zu sehen sind sogenannte Portale, die sich meist an Bauwerken, die eine kulturelle Relevanz haben, befinden. Das kann alles Mögliche sein, vom Justizministerium bis hin zu einem schönen Graffiti. Zu Beginn müssen sich die Spieler außerdem noch für eine der beiden Parteien im Spiel entscheiden, für die grüne Enlightened oder die blaue Resistance. Anschließend können sie als "Agenten" die Portale der Gegenseite erobern und eigene verteidigen.

Portale sind die Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Die physische und digitale Interaktion mit ihnen ist das zentrale Element. Immer wieder changiert mein Handeln zwischen der Spielwelt, in der ich Punkte sammle, und der realen Welt, in der ich genervt den hupenden Autos aus dem Weg gehe.

Für die einen ist Ingress eine Revolution der Spieleindustrie, für die anderen vermutlich unheimliches Teufelszeug, für die meisten wiederum ist es wahrscheinlich völlig irrelevant. Das ist alles nachvollziehbar, dennoch lohnt eine detaillierte Betrachtung.

Mein Kiez bleibt blau

Kristian Köhntopp, der Autor der Ingress-Anleitung "How not to suck at Ingress", schrieb in einem Beitrag auf Google Plus: "Ingress is a contact sport. Three months into the game, you'll realize that there is just about nothing that you can accomplish in this game alone." Wer Ingress spielen will, muss sich früher oder später mit anderen zusammentun, zumindest wenn er aufsteigen und das höchsten Level mit der Nummer acht erreichen will.

An meinem ersten Tag als Ingress-Agentin wurde ich zu einem Treffen an der Siegessäule eingeladen, wo etwa 40 Resistance-Spieler gemeinsam alle umliegenden Portale zerstörten. Wir gingen mehrmals um die Siegessäule herum, bis wir nach zwei Stunden den Abend plaudernd im Sonnenuntergang ausklingen ließen.

Solche Events sind keine Seltenheit und bilden neben regionalen Stammtischen und kleineren Aktionen eine wichtige Komponente des Spiels. Ingress vermag reale soziale Beziehungen positiv zu verändern. Oder auch negativ.

Ungesehenes wird dank der digitalen Ebene sichtbar

In der zweiten Woche als Ingress-Agentin setzte ich zum ersten Mal in den 23 Jahren, die ich in Berlin lebe, einen Fuß in den Lustgarten. Ich wollte die Portale dort hacken. Viele Spieler sagen, dass sie durch Ingress neue Orte entdecken. Die Erdoberfläche ist mein Spielfeld und Ingress verleitet mich dazu, neue Wege zu gehen.

So eroberte ich 500 Meter von meiner Haustür entfernt eine Konrad-Zuse-Gedenktafel, die ich nur entdeckte, weil sie als Portal in meiner Karte eingezeichnet war. Der Weg von der Uni nach Hause dauerte zuweilen zwei Stunden statt zehn Minuten, da ich viele Umwege in Kauf nahm, um Portale aufzusuchen. Ungesehenes wird erst dank der digitalen Ebene sichtbar.

Die Motivation des Spiels lässt sich sogar nutzen. Zum Beispiel von dem Spieler, der mir erzählte, dass er ein Portal im Altersheim seiner Tante angelegt hatte. Er wollte sich motivieren, sie öfter zu besuchen.

Meins

In meiner dritten Woche als Agentin suchte ich erneut die Gedenktafel auf, da jemand anderes mein Portal zerstört und das seiner Fraktion drauf errichtet hatte. Ich wollte sie unbedingt wieder haben, immerhin hat Konrad Zuse den ersten funktionstüchtigen Computer erfunden. Und überhaupt, was hatte der grüne "Frosch" in meinem blauen "Schlumpf"-Kiez zu suchen?

Einen gewissen Lokalpatriotismus empfinden offensichtlich mehrere Spieler. Einer erzählte mir, dass er seinen Neuköllner Kiez gegen die grüne Fraktion verteidigt. Ich selbst eroberte vor einiger Zeit das Portal "Humboldt-Universität" und erzählte meinen Freunden stolz: "Die Humboldt-Uni gehört jetzt mir!"

Diese Beispiele führen zu der Frage, was wir eigentlich unter Augmented Reality verstehen. Die Übersetzung lautet "erweiterte Realität". Ingress aber zeigt, dass dabei aber noch etwas anderes geschieht. Zwar erweitern wir reale Orte um die Bedeutung "Portal", gleichzeitig jedoch wird umgekehrt auch das Virtuelle erweitert. Das Portal auf meiner digitalen Karte bekommt die reale Bedeutung "Humboldt-Universität", und es wird aufgeladen mit meinen persönlichen Zuschreibungen wie "Autorität" und "Institution".

Alles ist erweitert

Ingress ist ein Phänomen, das nicht nur auf dem Bildschirm geschieht, sondern das weit in die Realität hineinragt und diese beeinflussen kann: Mein soziales Umfeld und meine Wahrnehmung der Umgebung verändern sich dadurch merklich. Umgekehrt nimmt das Spiel vieles aus meinem Alltag auf und wird durch diesen beeinflusst. Mein Spielverhalten wird dadurch bestimmt, welche Wege ich bevorzuge und welche Orte für mich von Bedeutung sind. Darüber hinaus bedingt meine Mobilität, wie viele Wege ich zurücklegen kann. Mein Familienstatus, mein Beruf und meine übrigen Hobby bestimmen, wie viel Zeit ich investieren kann.

Nicht alles an Ingress ist neu und revolutionär. Aber Ingress kann einen Ausblick darauf geben, in welche Richtung sich Zweige der Digitalisierung künftig entwickeln werden. Wir beginnen gerade erst zu verstehen, welche neuen Verbindungen Realität und Virtualität miteinander eingehen und wo wir – wenn überhaupt – künftig die Trennlinie zwischen beiden ziehen.

Verstehen und erklären lässt sich das nur, wenn wir uns solchen Entwicklungen öffnen, wenn wir uns die Zeit nehmen, sie auszuprobieren. Der Lustgarten ist übrigens sehr schön.