Ein Obdachloser auf dem Boden der Berliner U-Bahnstation Hansaplatz (Archivbild) © Paul Zinken/dpa

Wohin geht ein Mensch, wenn er kein Zuhause mehr hat? Astrid B. entschied sich an diesem Tag im Jahr 2009 für ein Internetcafé schräg gegenüber vom Bahnhof Zoo in Berlin. Eine Stunde Surfen, ein Euro. So viel Geld hatte sie gerade noch. Die heute 49-Jährige trug die Tüte mit ihrem kompletten Besitz in den Laden und setzte sich vor einen Bildschirm.

Vielleicht hatte ja die große Suchmaschine eine Antwort auf die Frage, wohin Astrid B. gehen könnte. "Obdachlose Frauen in Berlin" tippte sie auf der Tastatur ein. Und der Suchalgorithmus lieferte. Die Adresse der Bahnhofsmission, Kontaktdaten von Notunterkünften. Google Maps wies ihr den Weg, weg vom Bahnhof Zoo.

Das Internet, das ihr am ersten Tag in der Obdachlosigkeit geholfen hat, es sollte sich für Astrid B. auch in den kommenden Monaten auf der Straße als wichtig erweisen. Bis dahin hatte sie Computer nur für Videospiele benutzt, Surfen war nichts für sie. Während ihrer Zeit auf der Straße entdeckte Astrid B., was das Internet alles kann. Es tat sich ihr ein Raum auf, der ein Gefühl von Heimat gab. Im Internet bekam sie das Gefühl, von anderen gebraucht zu werden, nicht wertlos zu sein. Es wurde ihr Fluchtpunkt, wenn der Alltag der Obdachlosigkeit sie lähmte.     

Astrid B. begann während ihrer Zeit ohne Wohnung zu schreiben. Erotische Literatur. Sie veröffentlichte ihre Geschichten im Netz auf einer kostenlosen Seite für Fanfiktion. Tausende sind so auf ihre Texte gestoßen und zu Lesern geworden. Bis heute veröffentlicht sie regelmäßig.

Im Netz war Astrid B. gefragt

Im Netz war Astrid B. keine Obdachlose, dort war sie eine Autorin, die die Fantasie ihrer Leser beflügelte. User posteten Lob unter ihre Texte oder Anregungen für neue Geschichten. Sie wollten mehr lesen von Astrid B., immer wieder neue Geschichten. "Ich hatte nie geschrieben. Ich dachte, ich kann das nicht. 158.000 Klicks auf meine Geschichten sagen, ich kann's", sagt Astrid B. heute.

Keinen festen Schlafplatz zu haben ist hart, die Obdachlosigkeit stellt elementare Überlebensfragen. Wo schlafe ich? Ist es draußen zu kalt, um Platte zu machen? Wo finde ich das nächste Mittagessen? Aber der Mensch ist mehr als das, mehr als Schlafen, Essen, Trinken.

Es geht auch um Teilhabe an der Gesellschaft. Und die digitalisiert sich. Das Internet ist Teil des Alltags, ständig greifen wir darauf zu, egal ob wir unterwegs sind oder daheim. Wer das Netz nicht kennt, es nicht nutzen kann, gehört nicht dazu. Die wenigsten Obdachlosen aber sind Aussteiger, die mit der Welt nichts zu tun haben wollen. Sie wollen dazugehören. Wohnungslose, die ihren Laptop mit sich herumtragen, sind keine Seltenheit in Berlin. Einige besitzen technische Geräte, seien es MP3-Player oder Smartphones.

Max Bryan hat aus der Wohnungslosigkeit heraus bei Facebook gebloggt und auf sein Schicksal und das anderer Wohnungsloser aufmerksam gemacht. Menschen, die auf der Straße an ihm vorbeigegangen wären, klickten im Netz seine Facebook-Meldungen an und lasen und nahmen Teil an seinem Schicksal. Der Blogger hat mittlerweile einen Buchvertrag. Seine Geschichte zeigt, dass Stimmen von Obdachlosen im Netz selten sind. Dabei wäre es wichtig, dass sie als gesellschaftliche Randgruppe dort repräsentiert werden – zu bedeutsam ist die virtuelle Welt geworden. 

Verdummungsmaschine?

Manche beklagen, das Internet sei eine Verdummungsmaschine. Astrid B. sagt, das Schreiben für ihre Fangemeinde im Netz habe sie geistig wach gehalten. "Ich saß nicht nur herum und war obdachlos, sondern habe meinen Kopf benutzt. Es war ein Ausgleich für mich, das war sehr wichtig."

An einem Septembertag sitzt Astrid B. auf einem Baststuhl im Café Bankrott in Prenzlauer Berg und raucht. Das Café ist eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen, die tagsüber geöffnet hat und Essen für einen Euro anbietet, Kaffee kostet 30 Cent. Heute hat Astrid B. wieder eine Wohnung, bezieht Hartz IV. Aber sie kommt immer noch an Orte wie das Café zurück, die während der Zeit ihrer Heimatlosigkeit Anlaufstellen für sie waren.