Demonstration gegen die Regierung in Tunis im Mai © FETHI BELAID/AFP/Getty Images

Beim Wort Netzwerk denkt man an technische Netze: an das Internet zum Beispiel, oder an soziale Dienste wie Facebook und Twitter. Aber es gibt natürlich auch soziale Netzwerke, die nichts mit Technik zu tun haben: die gewachsenen Verbindungen von Verwandten, Freunden und Bekannten.

Glaubt man Slim Amanou, dann hat erst die Verbindung von sozialen Netzen und digitalen sozialen Diensten die Jasminrevolution in Tunesien ausgelöst. "Am Anfang der Revolte haben weder das Fernsehen noch die Presse über die Demonstrationen in Tunis berichtet", erinnert er sich an die Massendemonstrationen.

Der 36-jährige Blogger Amanou saß wegen seiner Berichte über die Proteste in Tunis einige Monate im Gefängnis und wurde nach seiner Entlassung im Januar 2011 Minister für Sport und Jugend der Übergangsregierung, die nach dem Sturz von Staatspräsident Ben Ali ins Amt kam. Im Mai 2011 trat er von seinem Posten zurück, nachdem die Übergangsregierung eine Reihe von Websites blockieren ließ, und gründete die tunesische Piratenpartei mit.

Weil die tunesische Presse nicht über die Demonstrationen berichtetet, sagt Amanou, hätten die Regierungsgegner soziale Medien genutzt, um die Welt über ihren Protest zu informieren. YouTube, Facebook und Twitter verbreiteten die Bilder und Botschaften davon rund um den Globus. Die Kritiker der Regierung eroberten sich so die Hoheit in der Debatte. Entscheidend war, sagt Amanou, dass auch die abgeschotteten Machthaber so davon erfuhren: "Erst als wir es schafften, dass die Tochter von Ben Ali Aufnahmen von den Demonstrationen in Tunesien auf YouTube zu sehen bekommt, begann die alte Elite zu begreifen, dass ihre Tage gezählt waren."

Mit Argumenten kämpfen

Die Demonstrationen begannen im Dezember 2010 nach der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi und richteten sich gegen die Regierung von Staatsoberhaupt Zine el-Abidine Ben Ali. Die landesweiten Unruhen griffen Anfang 2011 auf viele andere Staaten in Nordafrika und dem Nahen Osten über, und waren der Beginn des arabischen Frühlings, der in den nächsten Monaten in einigen Ländern der Region zu fundamentalen, politischen Veränderungen führen sollte.

Über die Rolle der sozialen Medien bei der Arabellion ist viel berichtet worden. Bei der Social Media Week in Berlin ging es nun darum, welche Rolle sie in Zukunft in der Region spielen werden. Denn in Ländern wie Ägypten oder Tunesien hat sich die politische Lage nach anfänglicher Euphorie nicht zum Besseren verändert. Manche Kommentatoren sehen bereits einen arabischen Frühling 2.0 voraus.

Für Slim Amadou ist alles eine Frage der Taktik. "Man muss das Netzwerk der anderen Seite in ein Gespräch verwickeln", sagt er. "Heute hat jeder eine E-Mail-Adresse, eine Facebook-Page oder einen Twitteraccount." Die entsprechenden Adressen ließen sich vergleichsweise leicht herausfinden, die Menschen sich darüber kontaktieren. "Und wenn die Machthaber die neuen Medien nicht benutzen, dann ihre Verwandten oder ihre Berater. Man muss mit ihnen in Kontakt treten und ihnen mit Argumenten kommen, sei es per E-Mail oder sei es in ihrer Timeline. Es hat keinen Sinn, zu versuchen, das Netzwerk seiner Feinde zu zerstören. Man muss es schlucken."