Anonymous kämpft jetzt für die Delfine in Japan. Anonymous organisiert Kleiderspenden für Obdachlose. Anonymous legt sich mit korrupten Regierungen in Afrika an.

Ist das noch dieselbe globale Bewegung, die spätestens seit 2010 durch DDoS-Attacken auf Kreditkartenunternehmen und den Hack der US-Beratungsfirma Stratfor zum Dauerthema in den Medien geworden ist? Anonymous war zu der Zeit ein Pop-Phänomen. Die Maske des englischen Königsattentäters Guy Fawkes wurde zur Standardausstattung auf Demos, die Nachrichten von neuen Hacks schafften es in die Abendnachrichten. Anonymous feierte sich mit wuchtigen Rap-Videos auf YouTube, und der charismatische Hacker Hector Monsegur alias Sabu, Kopf der mit Anonymous assoziierten Gruppe LulzSec, erschien wie ein neuer Ché Guevara. Alles schien möglich, niemand sicher. Bis im Februar 2012 bekannt wurde, dass eben dieser Sabu für das FBI gearbeitet und Weggefährten verraten hatte. Was ist seitdem aus Anonymous geworden?

Natürlich gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Dafür ist Anonymous nach wie vor zu heterogen, zu unstrukturiert, zu unberechenbar. Aber es gibt eine Reihe von Gründen, warum Anonymous heute anders erscheint als noch vor einem Jahr.

Der naheliegende sind die mitunter harten Strafen für Anhänger der Bewegung, die erwischt wurden. Zuletzt wurde Jeremy Hammond zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er war 2011 am Hack gegen die US-Firma Stratfor beteiligt, die für Medien, Unternehmen und das US-Militär Berichte über die globale Sicherheitslage veröffentlicht. Die Angreifer hatten neben Hunderttausenden E-Mail-Adressen auch Kreditkartendaten gestohlen.

Die Anthropologin und bekannte Anonymous-Forscherin Gabriella Coleman hat eine Liste der verurteilten Anons veröffentlicht. Insbesondere die LulzSec-Hacker bekamen harte Strafen, die offenbar als Abschreckung dienen sollen. 

Demontiert und geschwächt?

Einen FBI-Spezialisten hatte das bereits vor dem Urteil gegen Hammond zu einer gewagten Aussage veranlasst: "Die Bewegung ist noch da, sie plappern auf Twitter und veröffentlichen ein paar Dinge. Aber man hört nichts mehr davon, dass sie irgendwo spektakulär einbrechen. Es passiert einfach nicht, und das liegt daran, dass wir ihre größten Spieler demontiert haben."

Anonymous-Aktivisten sehen das natürlich anders. Die Verhaftungen hätten "sicherlich viele Anons in den Untergrund getrieben", sagt ein kanadischer Anhänger der Bewegung im Chat. "Aber echte Hacker machen eh nur ein Prozent von Anonymous aus."

Vertreter der regen und gut vernetzten Hamburger Anonymous-Szene bestätigen das: "Die Hacks von LulzSec waren eher untypisch." In der Szene seien die Hacker umstritten gewesen. "Sie hatten von Anfang an auch Gegner aus den eigenen Reihen, denen die Egoschiene voll auf den Senkel ging. Der seriöse Aktivist wollte von Egotrips nichts wissen." Die Stratfor-Mails seien zwar erhellend gewesen, der Diebstahl von Kreditkartendaten aber unnötig. Als Ikone taugt jemand wie Jeremy Hammond also offenbar wenig.

Der Gegenbegriff zur NSA

"Sie sind ruhiger geworden, aber sie hören ganz sicher nicht auf", sagt Coleman über die Menschen hinter Anonymous. "Es gab auch zuletzt noch einige größere Aktionen."

Als Beispiele nennt sie eine Kampagne in Maryville zur Unterstützung eines mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers, die Distributed-Denial-of-Service-Angriffe (DDoS) auf russische Websites, die damit als Vergeltung für die Inhaftierung von Greenpeace-Aktivisten lahmgelegt wurden, oder auch den MillionMaskMarch am 5. November. Unter diesem Titel hatten sich Anonymous-Anhänger in aller Welt zu kleineren und größeren Aufmärschen zum "Welttag des Widerstands" und in Gedenken an Guy Fawkes versammelt.

Die Berichterstattung war allerdings überschaubar. Coleman sagt: "Die Medien scheinen weniger interessiert zu sein und sich mehr auf die NSA-Überwachung zu konzentrieren – was ja nicht verkehrt ist."

Gerade die Machenschaften der NSA aber berühren das zentrale Anliegen von Anonymous, wenn es denn eins gibt: den Erhalt oder eher die Schaffung eines freien, unkontrollierten und unzensierten Internets. Anonymous ist quasi der Gegenbegriff zum Ziel der NSA, jeden immer und überall erkennen zu können. Und doch bleibt die Bewegung in der NSA-Affäre erstaunlich zurückhaltend. Woran liegt das?