ZEIT ONLINE: Sie sagen, Big Data sei eine Revolution. Warum?

Viktor Mayer-Schönberger: Weil es verändert, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen. Im Moment entwickeln wir über die Wirklichkeit relativ isolierte Theorien und sehen Ursache-Wirkung-Ketten, die gar keine sind oder bemerken tatsächliche Zusammenhänge gar nicht.

ZEIT ONLINE: Weil unsere Sichtweise begrenzt ist…

Mayer-Schönberger: Weil sie begrenzt ist und weil unser Gehirn einen Bias hat, wenn es um das Erkennen von Ursache und Wirkung geht. Das führt dazu, dass die Wirklichkeit, die uns umgibt, anders ist als die Wirklichkeit, von der wir glauben, dass sie uns umgibt. Mit Big Data könnten wir ein wenig näher an die tatsächliche, viel komplexere Wirklichkeit herankommen.

Beispielsweise könnten Kameras in Häfen die Container auf den Schiffen zählen, die dort anlegen. Weltweit gesammelt würden die entsprechenden Daten in Echtzeit eine Aussage über Exporte und Importe und über die Wirtschaft insgesamt zulassen – viel genauer und schneller, als es die bei Unternehmen gesammelten Daten über Bestellungen und Geschäfte können.

ZEIT ONLINE: Leider sind große Datenmengen selbst sehr komplex, ein Beispiel: Big Data liefert uns nur statistische Korrelationen, das sind aber keine ursächlichen Zusammenhänge. Warum wird trotzdem immer wieder versucht, daraus Zusammenhänge zu konstruieren?

Mayer-Schönberger: Unser Gehirn ist darauf programmiert. Wir sind konditioniert, Ursachen zu suchen und zu erkennen. Daher besteht bei Big Data immer die Gefahr, dass es für kausale Zwecke missbraucht wird.

ZEIT ONLINE: So, wie es gerade bei Geheimdiensten passiert, die Unmengen Daten sammeln und versuchen, daraus eine Verhaltensvorhersage abzuleiten?

Mayer-Schönberger: Nicht nur bei Geheimdiensten. Auch bei Krankenkassen, bei Predictive Policing oder bei Entscheidungen darüber, ob jemand auf Bewährung freikommt oder nicht.

ZEIT ONLINE: Wenn Big Data eine Revolution ist, braucht es dann nicht auch eine neue Zeit der Aufklärung?

Mayer-Schönberger: Ja, die müssen Sie leisten! Wir leben in einer Welt, die wir uns komfortabel gemacht haben. Wir glauben, die Wirklichkeit zu verstehen, tun es aber viel weniger, als wir denken. Wir benötigen mehr Demut gegenüber der Komplexität, die uns umgibt. Richtig verstandenes Big Data kann uns dabei helfen, indem es uns Korrelationen liefert und damit Hinweise, die wir untersuchen und in denen wir nach Zusammenhängen fahnden können. Es ist ein Filter, der uns relevante Dinge erkennen lässt.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als würden wir in einer dunklen, unwissenschaftlichen Zeit leben und bräuchten mehr Licht wissenschaftlicher Erkenntnis, also Daten…

Mayer-Schönberger: So sehe ich das. Ich versuche bewusst, Big Data auf die Ebene einer Erkenntnis zu heben. Die Dystopie dabei ist, dass wir diese Erkenntnis nicht verstehen und Big-Data-Analysen zur Begründung kausaler Zusammenhänge missbrauchen und damit in einer Welt leben, in der wir irgendwelche Korrelationen nutzen, um uns unsere Vorurteile zu bestätigen.