Bibliothek des französischen Nationalerbes in Paris © FRANCOIS GUILLOT/AFP/Getty Images

Auf der Frankfurter Buchmesse saß ich mit Frank Simon-Ritz, dem Vorsitzenden des Deutschen Bibliotheksverbands, auf einem Diskussionspodium. Es ging um die Zukunft der Bibliotheken, und eigentlich wollte ich mich nicht wieder dazu verleiten lassen, unmanierlich den Untergang alles Papierenen zu prophezeien. Aufmerksam zuhören und nachfragen wollte ich, denn sicher hätte man etwas lernen können von Frank Simon-Ritz. Seine Äußerungen im Netz deuten jedenfalls nicht darauf hin, dass er an die Bibliothek als unveränderliches Papiermuseum glaubt. Stattdessen lief es dann doch wie immer.

Ich bin überzeugt, dass interessante Diskussionen über die Funktionen der Bibliothek als Ort möglich sind. Aber um sie zu führen, müsste man sich damit auseinandersetzen, dass Bibliotheken ein Problem lösen, das in dieser Form nicht mehr existiert. Die flächendeckende Grundversorgung mit Unterhaltungs- und Bildungsmaterialien zu einem symbolischen Preis hat das Internet übernommen. Statt gemeinsam zu überlegen, wie unter diesen Bedingungen die Zukunft aussehen könnte, verschwenden wir unsere Zeit und die der Zuhörer immer wieder mit den gleichen Rückzugsgefechten.

Dass man in einer Bibliothek Zufallsfunde machen könne, im Internet aber nur das finde, wonach man konkret gesucht habe, ist eine der häufigsten Rechtfertigungen für Regale voller Papier. Steven Johnson, der Autor von Everything Bad is Good For You, schrieb darüber schon 2006 unter dem Titel Can We Please Kill this Meme Now: "Ich mache unendlich viel mehr seltsame, ungeplante Funde als damals in der Unibibliothek. Das Stöbern in der Bibliothek ist eins der überschätztesten und missbrauchtesten Beispiele im Kanon der Sachen-die-früher-so-viel-besser-waren. (…) Das Vernetzungskonzept des Hypertext und die hungrige Suche der Blogosphäre nach Neuem machen das Web zur großartigsten Zufallsfundmaschine der Kulturgeschichte. Man stolpert vor dem Browser so viel leichter über irgendwas Brillantes, Überraschendes als beim Betrachten von Bücherrücken in der Bibliothek."

Man könnte einwenden, dass Stephen Johnson und ich an das Stöbern im Netz gewohnt seien, während andere Menschen eben das Betrachten realer Regale vorzögen. Die Wahl der Stöbertechnik sei Geschmackssache, die Verfahren technisch gleichwertig. Ich gebe zu, dass ich da voreingenommen bin, aber ich bin auch alt genug, um die Suche in Papierbibliotheken aus eigener Anschauung zu kennen. In einer Papierbibliothek können Nutzer die Buchrücken betrachten, Zufallsstichproben nehmen und ein Schlagwortverzeichnis durchsuchen. Digitale Bibliotheken – in Ermangelung einer öffentlichen digitalen Volltextbibliothek kann man sich näherungsweise das Internet vorstellen – bieten eine Volltextsuche durch alle Texte.

Keine Volltextsuche

Ein zweiter Punkt: Supermärkte stellen den Parmesankäse zum Käse und zu den Nudeln. Dasselbe tun auch Bibliotheken, aber wenn ein Buch in Regalen zu mehr als einem Thema auftauchen soll, braucht man zusätzliche Exemplare des Buchs und zusätzlichen Platz für Regale. Wo kein Papier im Spiel ist, lässt sich jeder einzelne Text ohne zusätzliche Kosten in beliebig viele Zusammenhänge einordnen und dort erstöbern.

Persönliche Vorlieben hin oder her, ich halte diese zwei Aspekte – die Volltextsuche und die Einordnung in multiple Regale – für objektive Vorteile, von denen auch traditionelle Bibliothekare vermutlich seit einigen Jahrhunderten träumen. Umsetzen lassen sie sich aber nur im Digitalen.

An dieser Stelle der Diskussion gibt es für Anhänger der Papierrecherche zwei Möglichkeiten: Entweder berufen sie sich darauf, dass die Papierbibliothek eine größere Informationsfülle biete, "das finden Sie doch alles gar nicht im Netz". Oder aber die Papierbibliothek sei gerade wegen ihrer geringeren Informationsfülle überlegen: Im Internet sei einfach zu viel drin. Die Argumente widersprechen sich nicht nur, jedes für sich ist problematisch.

Das erste impliziert, dass das Material im Netz für immer nur eine Teilmenge des in Bibliotheken vorhandenen Materials sein wird. Das ist schon heute nicht der Fall. Selbst wenn das Argument nur von bestimmten Fachbereichen handelt, und es stimmen sollte, dass Geisteswissenschaftler aus irgendeinem systemimmanenten Grund tatsächlich bis in alle Ewigkeit die Arbeit mit Papier vorziehen, werden ihre Texte dann ja nicht ausschließlich auf Papier verfügbar sein.

Welche Aufgabe von Bibliotheken könnte einfach wegfallen?

Das zweite, umgekehrte Argument, das Internet müsse durch Fachleute gefiltert werden, bis nur noch eine erträgliche Menge übrigbleibe, ist ebenfalls schwierig. Auch der Internetnutzer hat es nie mit dem unsortierten Ganzen zu tun. Inhalte im Netz werden auf vielfältige Weise gefiltert und aufbereitet, die Algorithmen der Suchmaschinen sind nur eine davon. Ob im Umgang mit Papier oder mit digitalen Inhalten, es gibt hier wie dort zu viel von allem, und auch die Lösungsansätze gleichen sich. Googles Page Rank-Algorithmus ist ein enger Verwandter der Rankingsysteme, mit denen in der Wissenschaft Textmengen handhabbar gemacht werden. Nebenbei steckt in diesem Argument die Idee einer zuverlässigen Auswahl nur des Guten, Wahren und Schönen. Wenn sie ernst gemeint wäre, müsste man über die dahinterstehende Idee der Volkserziehung und über Auswahlstrategien reden, aber vermutlich gibt es sowieso keine Bibliothek, in der nicht mehrere Exemplare von Shades of Grey herumstehen.

Wenn die Zeit ausreicht, um von den such- und findetechnischen Argumenten zu den sozialen zu gelangen – und auch diese Runde drehten wir in unserer Buchmessendiskussion –, geht es um Bibliotheken als "niedrigschwelligstes Kulturangebot". Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt.

Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt. Zum Abbau der übrigen Hürden ist mittlerweile nur noch in Ausnahmefällen (Seniorenheime, spezielle Rechercheanforderungen) gesonderte Ermutigung erforderlich. Warum die Bibliothek und nicht das Internet das niedrigschwelligere Kulturangebot sein soll, ist zumindest begründungsbedürftig.

Coworkingspaces sind keine Bibliotheken

Die Standardargumente für eine weitgehend unveränderte Zukunft der Bibliotheken haben ein Verfallsdatum, über das ich mir als Bibliotheksmitarbeiter Sorgen machen würde. Was wird aus den öffentlichen Internetzugängen für Benachteiligte, wenn der private Internetzugang zu den "Lebensgrundlagen" gehört, wie der Bundesgerichtshof Anfang 2013 entschied? Wenn internetfähige Geräte die Verbreitung von Fernseher oder Telefon erreicht haben (beziehungsweise die Verbreitung, die Fernseher dann nicht mehr haben werden)? Was wird aus den "nur in Bibliotheken verfügbaren" Informationen, wenn auch die anderen Fachbereiche nachziehen, sodass nicht nur die Naturwissenschaften so gründlich wie jetzt schon im Internet vertreten sind? Und was hat eine Umwidmung der Räume zu Maker- oder Coworkingspaces mit einer gesicherten Zukunft des Bibliotheksmodells zu tun? 

Aufgelassene Bahnstrecken lassen sich wegen ihrer sanften Steigungen gut zu Fahrradwegen umwidmen. Man kann sogar argumentieren, sie dienten weiterhin der Fortbewegung. Trotzdem haben sie in Vermarktung, Bewirtschaftung, Zielgruppen und Nutzungsweisen nur noch sehr wenig mit Bahnstrecken gemein.

Es ist schön, dass es öffentliche Orte gibt, die so vielfältige Nutzungsmöglichkeiten eröffnen wie Bibliotheken, ohne dass man im Gegenzug auch nur einen Kaffee bestellen müsste. Aber in einem Paralleluniversum, in dem öffentliche Bibliotheken nie eingeführt worden sind, dürfte es heute schwerfallen, plausible Gründe für die Einführung solcher Einrichtungen zu benennen. Dass gerade allenthalben prestigeträchtige Megabibliotheken neu gebaut werden, ist kein Gegenargument, denn dahinter stehen etablierte Argumentations- und Finanzierungsstrukturen. Die Steuerzahler des Paralleluniversums würden fragen, ob man nicht stattdessen direkt Coworkingspaces, Veranstaltungsorte, Digitalisierungsprojekte oder eine private Internet-Grundversorgung für Bedürftige fördern und die großen Gebäude mit dem Papier weglassen könnte.

Weglassen ist überhaupt ein heikles Thema: Ich habe noch in keiner Diskussion Überlegungen dazu gehört, welche Funktionen von Bibliotheken in Zukunft entfallen könnten. Es geht immer nur um die Einführung neuer Aufgaben; ausnahmslos alles, was Bibliotheken bisher geleistet haben, ist "in Zukunft wichtiger denn je".

Ich bin nicht so vertraut mit den internen Diskussionen der Bibliotheksbranche. Vielleicht ist man dort längst gedanklich viel weiter, als ich es bei Podiumsdiskussionen erlebe. Falls das so ist, würde ich mir wünschen, dass sich dieses Umdenken in der öffentlichen Diskussion stärker niederschlägt. Dann könnte ich auf Podien auch mal was Interessanteres sagen als immer nur: "Aber das kann das Internet doch besser."