Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) © Frank Rumpenhorst dpa

Angst vor der NSA? Der Innenminister hätte da eine Lösung: ein rein deutsches oder europäisches Internet, gebaut mit deutschen Leitungen, deutschen Routern. Klingt doch gut, oder? Die Telekom ist auch schon ganz begeistert.

Der Spiegel schreibt: "Die Deutsche Telekom will … ein rein deutsches Internet bauen. Datenpakete sollen in Zukunft so gelenkt werden, dass sie nur über deutsche Leitungen verschickt werden, wenn sie einen hiesigen Absender und Empfänger haben." Der vermeintliche Sicherheitsgewinn bestünde darin, dass die Daten nicht mehr über Transatlantikkabel und US-Server laufen müssten, wo sie von GCHQ und NSA routinemäßig durchleuchtet werden. Intern arbeite die Telekom bereits "mit großem Eifer" an solchen Lösungen. Mit diversen Netzbetreibern würden Gespräche laufen, "um sie für eine einheitliche Lösung zu gewinnen und Preise für das gegenseitige Nutzen der Leitungen zu vereinbaren".

Auf dem Cyber Security Summit in Bonn sagte Thomas Tschersich, Leiter der IT-Sicherheit der Telekom, gerade: "Wir haben mal nachgesehen. Uns fehlen nur noch drei Peering-Vereinbarungen zu nationalen Providern, dann hätten wir ein nationales Routing realisiert."

Schon der Satz mit den Preisen sollte skeptisch machen. Offensichtlich hat die Telekom mit der Idee "Internetz", wie der Spiegel es nennt, einen Weg ausgemacht, mehr Geld zu verdienen.

In eben diesem Internet sind das Gelächter, aber auch die Sorge schon groß, es könnte wirklich ein solches Regionalnetz gebaut werden. Unter dem Stichwort #schlandnet – abgekürzt für Deutschlandnetz – sammeln sich die Kommentare. Hier ein Storify der besten.

Der Tenor ist eindeutig: dumme Idee, aus mehreren Gründen. Geld ist einer davon. Das Internet funktioniert nur, weil Provider – also die Besitzer der Datenleitungen – die Daten anderer Anbieter durch ihre Leitungen lassen. Das Verfahren wird Peering genannt und ist meistens kostenlos. Dabei schließen die Anbieter miteinander Vereinbarungen nach dem Muster: Lässt du meine Daten durch, lass ich auch deine durch. Vor allem zwischen ähnlich großen Betreibern werden dabei gegenseitig keine Gebühren erhoben.

In Deutschland geschieht das vor allem an einem großen Peering-Knoten, dem De-Cix in Frankfurt. Den haben die deutschen Netzbetreiber Anfang der neunziger Jahre mit der Idee aufgebaut, miteinander und mit dem Internet Daten tauschen zu können, ohne sie immer in die USA schicken zu müssen. Bis dahin liefen deutsche Datenleitungen immer zum Knoten Mae-East an der amerikanischen Ostküste.

Der De-Cix ist inzwischen zu einem internationalen Knoten gewachsen und einer der größten der Welt. Nur die Telekom ist dort nicht vertreten. Sie ist so groß, dass sie ihre Peering-Abkommen direkt mit den anderen großen, internationalen Betreibern des Netzes, Tier 1 genannt, vereinbart.

Monopol für die Telekom

Das ist das Problem: Ein nationales Netz würde bedeuten, dass es nur noch die Telekom gäbe. In Deutschland ist sie der größte Anbieter von Leitungen, auch in Europa ist ihr Netz riesig. Nur der skandinavische Anbieter Telia Soneira gilt neben ihr als Tier 1. Diese Marktmacht könnte das Unternehmen nutzen, um von allen anderen für den Transport der Daten Geld zu verlangen, denn jeder, der in Europa ins Netz wollte, müsste dann mit der Telekom "peeren".

Kein Wunder also, dass die Telekom solche Ideen gerne prüft und sofort auch entsprechende Gesetze fordert. Die Begründung dabei lautet, sie würden der Idee "Rechtssicherheit" geben, wie der Spiegel zitiert. Doch geht es wohl eher darum, eine solche Einnahmequelle zu zementieren.

Übrigens, die Peeringkosten für den Datentransport würden die Betreiber dann selbstverständlich an ihre Kunden weitergeben. Ein deutsches "Internetz" wäre für deutsche Nutzer dann teurer als die bisherige Lösung.

Das Netz wäre leichter überwachbar, nicht schwerer

"Wir regen uns über China und andere Länder auf, die ihr Netz absperren", sagt Harald Summa. Er ist Geschäftsführer des Branchenverbandes eco und Leiter des Unternehmens, das den deutschen Internet-Austauschknoten De-Cix betreibt. Den Satz mit China beendet er nicht und sagt stattdessen: "Der De-Cix ist mit den Jahren international geworden, ein nationales Routing würde eine Menge zurückdrehen." Er hält das für eine "lustige Idee".

Das Internet wurde zur globalen Kommunikationsplattform, eben weil es keine Grenzen kennt. Wer über klassische Telefonstrukturen telefoniert – die es ganz nebenbei kaum noch gibt – blockiert für sein Gespräch eine komplette Leitung, ob einer der beiden Gesprächspartner gerade etwas sagt, oder nicht. Niemand sonst kann die Leitung nutzen, auch wenn die beiden nur schweigen.

Denen, die das Internet erdachten, erschien das idiotisch. Die knappe Ressource Leitung wollten sie so effektiv wie möglich einsetzen, damit möglichst alle im gleichen Maß davon profitieren und niemand sie monopolisieren kann. Die Umsetzung heißt Packet Switching, Paketaustausch. Daten werden in kleine Pakete zerlegt und dort entlanggeschickt, wo gerade etwas frei ist. Genutzt wird dabei nur so viel Bandbreite, wie nötig ist, um eben dieses Paket hindurchzuschleusen, anschließend können andere kommen, von anderen Absendern, mit anderem Ziel. Blockierte Leitungen gibt es nicht. Staus kann es noch immer geben, aber die Auslastung des Netzes ist insgesamt viel besser. Und je größer und weltweit verteilter dieses Netz ist, desto schwerer ist es, es komplett abzuschalten oder zu verstopfen.

Verstopfte Leitungen

Auch für die Sicherheit brächte ein regionales Netz wenig. Die NSA lässt sich so nicht aussperren. Sie greift jede technische Struktur an, die Daten transportiert, ob es Glasfaserleitungen von Datenzentren sind, Tiefseekabel oder Mobilfunkbetreiber – die amerikanischen Spione würden ein europäisches Netz sofort zum obersten Ziel ihrer Überwachungsbemühungen erklären und anbohren.

Ganz zu schweigen von den europäischen Nachrichtendiensten. Die spionieren in einem solchen Netz selbstverständlich weiter und werden auch weiter ihre Erkenntnisse mit den Amerikanern teilen. Daran ändert eine Inselstruktur nichts. Im Gegenteil, sie würde es europäischen Diensten sogar leichter machen, den Datenverkehr zu beobachten, es gäbe dann weniger zu filtern und die Transportwege wären nicht so komplex.

"Symbolische Politik"

Der zweite Internetbranchenverband Bitkom steht der Idee eher distanziert gegenüber. Er hat ein Positionspapier veröffentlicht, in dem er mehrere Vorschläge macht, wie sich das Internet sicherer gestalten ließe. Zum Punkt Deutschlandnetz steht dort nur: "Es ist zu prüfen, welche Beiträge zu mehr Datenschutz und Datensicherheit Maßnahmen im Bereich des Routings grundsätzlich leisten können. Im Besonderen ist dabei zu untersuchen, welche entsprechenden Beiträge von einem nationalen Routing oder einem Routing im Schengenraum ausgehen können."

Auf Nachfrage heißt es, es gebe viele Wege für mehr Sicherheit, ob ein regionales Netz einer davon sei, wolle man untersuchen. Wichtig sei jedoch ein Bündel von Maßnahmen, sagt Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom, beispielsweise eine bessere Ausstattung der Datenschützer. Im Übrigen werde die Frage, "wie diese Geheimdienste handeln und wer sie kontrolliert, viel zu wenig diskutiert". Und so fordert der Bitkom vor allem Gesetze, um die Arbeit der Geheimdienste besser zu überwachen.

Tatsächlich wirkt der Vorschlag aus der Politik für ein nationales Routing wie ein Versuch, genau dieser Frage aus dem Weg zu gehen. Die Internetsociety, die für die Weiterentwicklung der Netzinfrastruktur zuständig ist, nennt das Schlandnet denn auch eine "lediglich symbolische Politik, die keine nachhaltigen Verbesserungen für die Menschen erreichen kann, aber von ihrer eigenen Konzept- und Ahnungslosigkeit ablenken will".