Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein? Der eine soll beobachten und beschreiben, der andere soll kämpfen und überzeugen. Beide haben unterschiedliche Rollen und das aus gutem Grund. Glenn Greenwald ist längst nicht mehr nur Journalist. Die NSA-Enthüllungen sind für ihn nicht mehr nur Storys, sie sind sein Freiheitskampf.

In seiner Rede beim Chaos Communication Congress sagt Greenwald zunächst, was er nicht ist: ein Hacker. Dass er damals, als Edward Snowden ihn erstmals kontaktierte, nicht in der Lage war, seine E-Mails zu verschlüsseln, ist eine bekannte Anekdote. Beim Kongress erzählt er noch dazu, dass Snowden und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras ihn ausgelacht hätten, als er voller Stolz erzählte, zumindest das Verschlüsselungsprogramm TrueCrypt bedienen zu können.

Anschließend aber zeigt Greenwald umso mehr, was er ist: ein Mann, der sein Feindbild gefunden hat. Die NSA, die US-Regierung, die amerikanische und britische Presse – sie alle sind inzwischen seine erklärten Gegner. Ihm geht es nicht nur darum, den Überwachungsskandal aufzudecken, er will eine Bewegung anführen. Er nennt sie "Pro-Privacy-Allianz". "Sie ist größer und stärker und wächst schneller, als wir alle, die wir Teil davon sind, glauben", sagte er bei einer Videoübertragung aus Rio de Janeiro, wo er lebt.

Dies ist keine Kritik an seiner journalistischen Arbeit. Die ist beschreibend, sachlich und gründlich. In seinen Texten beruft er sich nicht allein auf die Dokumente von Edward Snowden. Er versucht, die Informationen darin zu überprüfen und die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen.

Predigt an seine Jünger

Dies ist auch keine Kritik an dem, was er beim Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg sagte. Snowdens Dokumente und Greenwalds Berichte haben grenzenlose Überwachung aufgedeckt, sie haben Lügen offensichtlich gemacht und gezeigt, dass die Geheimdienste "jede Kommunikation überwachen wollen", wie Greenwald sagte: "Das Ziel der NSA ist es, Privatsphäre weltweit zu eliminieren."

Aber Greenwald hat in seiner Rede eine Grenze überschritten, als er "wir" sagte statt "ihr". Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen.

Greenwalds Rede würde im Englischen preaching to the choir genannt werden, eine Predigt zu jenen, die längst überzeugt sind, eine Rede zu seinen Jüngern. Greenwald lobte Laura Poitras, "ohne die all das nicht möglich gewesen wäre". Sie bekomme nur wenig Aufmerksamkeit, und das sei ihr ganz recht so. Er nannte Snowden einen Helden. Er sprach über den Mut der Whistleblowerin Chelsea Manning und über die Pionierarbeit von WikiLeaks und dass ihn diese Dinge für den Rest seines Lebens "formen und inspirieren werden".  

Kritik an obrigkeitshörigen Medien

Er geißelte die Einschüchterungstaktik der US-Regierung, die mit drakonischen Strafen versuche, Informanten einzuschüchtern, und er schimpfte über ihre nachweislichen Lügen vor dem US-Kongress. Nicht zuletzt kritisierte er die Medien in den USA und in Großbritannien als obrigkeitshörig. Sie seien nur noch die Stimme der Könige und verteidigten deren Macht, sagte Greenwald.

Das mag in Teilen stimmen, aber es wirkte auch so, als sehe er sich nicht mehr als Teil der Medien, nicht mehr als Journalist.

Die Zukunft des Journalismus?

Verständlich wäre es, schließlich ist Greenwald aufgrund seiner Enthüllungen selbst zum Opfer geworden: Sein Lebenspartner David Miranda wurde am Flughafen Heathrow auf der Grundlage eines Anti-Terror-Gesetzes festgehalten, Greenwald selbst will vorerst nicht mehr ins Ausland reisen und kam daher auch nicht zum 30C3 nach Hamburg. Seine Anwälte hätten ihm davon abgeraten.

Wegen seiner Einstellung hat Snowden ihn überhaupt erst kontaktiert. Er wusste, dass der Anwalt und Journalist Greenwald stets Position bezieht, stets klar macht, wofür oder wogegen er kämpft.

Ist es also überhaupt verwerflich, dass Greenwald selbst die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus nicht mehr klar zieht? Das ist eine Frage zur Zukunft des Journalismus: Braucht es mehr Meinung, mehr Position? Braucht es Journalisten, die auch jenseits ihrer Artikel und Berichte für etwas eintreten? Oder sollen Medien eher versuchen, so neutral wie möglich zu sein und anderen den Aktivismus überlassen?

Der Artikel hat auf Twitter eine lebhafte Debatte ausgelöst, nachzulesen in einem Storify von Steffen Konrath.