Demonstranten bei einer Kerzenschein-Demonstration in Seoul © REUTERS/ Lee Jae-Won

Die Geheimdienstmitarbeiter wählten als Operationsgebiet Twitter. Sie tarnten sich mit Bedacht und meldeten sich als Hausfrau, braver Angestellter oder Student an. Verdeckt hinter diesen Scheinidentitäten machten sich die Agenten dann ans Werk: In mehr als 1,2 Millionen Tweets warben sie für die konservative Präsidentschaftskandidatin. Ihre politischen Gegner beschimpften sie als "Kommunistenschweine".    

Wie erfolgreich diese Diffamierungskampagne war, lässt sich kaum messen. Fest steht jedoch: Seit Februar 2013 ist Park Geun Hye, Tochter des früheren Diktators Park Chung Hee, die Präsidentin von Südkorea. Allerdings bescheren die Methoden, mit denen sie im vergangenen Dezember den Wahlsieg errungen hat, Park Geun Hye und dem hochtechnisierten asiatischen Land einen handfesten Cyberwahlskandal.   

Ans Licht gebracht wurde die verfassungswidrige Wahlkampfhilfe des südkoreanischen Nachrichtendiensts NIS (National Intelligence Service) durch Untersuchungen der Staatsanwaltschaft. Demnach richteten Mitarbeiter der NIS-Abteilung Psychologische Strategie Hunderte gefälschte Accounts in sozialen Netzwerken wie Twitter an, um einschlägige Kommentare zu verbreiten und Stimmen zu werben für Park Geun Hye, Kandidatin der konservativen Saenuri-Partei. Einmal versendete Kurznachrichten wurden dabei automatisch vervielfältigt. Die 1,2 Millionen Tweets, von denen in den Berichten der Staatsanwaltschaft die Rede ist, halten viele Beobachter nur für die Spitze des Eisberges.

Den unmittelbaren Befehl zu der Aktion soll den Ermittlungen zufolge Won Sei Hoon gegeben haben, der ehemalige Leiter des NIS. Die von ihm in Auftrag gegeben Onlinekampagne wirkt umso perfider in einer extrem digitalisierten Gesellschaft wie Südkorea. Das Land zählt weltweit nicht nur zu den Staaten mit dem höchsten Anteil an Internetnutzern in der Bevölkerung. Im internationalen Vergleich nimmt es auch die Spitzenposition bei der Internetgeschwindigkeit ein.

Südkorea ist eine Hightech-Gesellschaft

Rund 70 Prozent der Bevölkerung haben ein Smartphone, die mobile Netznutzung ist exzessiv. Überall gibt es freies WLAN, in den Geschäften, Cafés, öffentlichen Plätzen und Verkehrsmitteln wie U-Bahne und Zügen, und sogar auf einer einsam gelegenen Tempelanlage irgendwo in den Bergen. Das Ziel der Geheimdienst-Aktion war also offensichtlich, die Wähler dort zu treffen und zu manipulieren, wo sie große Teile ihres Alltags verbringen.  

Brisant ist die Operation nicht nur, weil sie illegal ist. Die Wahl fiel auch denkbar knapp aus: Die jetzige Präsidentin gewann die Wahl nur knapp mit 51,5 Prozent der Wählerstimmen gegen den ehemaligen Menschenrechtsanwalt Moon Jae In von der demokratischen Oppositionspartei, der 48 Prozent erzielte.

Es ist nicht das erste Mal, dass der NIS in einem verfassungsfeindlichen Skandal verwickelt ist. Der Dienst wurde von dem Militärdiktator Park Chung Hee, der über Jahrzehnte in Südkorea herrschte, kurz nach seinem Militärputsch im Jahr 1961 aufgebaut. Das Ziel: Dissidenten aufspüren, observieren und mundtot machen, sei es durch Terror, Folter, Gefangennahme oder Tod. Auch heute noch untersteht der NIS ausschließlich dem Präsidenten Südkoreas und nicht dem Parlament.