Der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald © REUTERS/Sergio Moraes

Was ist ein Journalist, was eine Journalistin? Was ist ein Aktivist, was eine Aktivistin? Gibt es eine Grenze zwischen beiden Seiten und wenn ja, wo liegt sie? Beim 30. Chaos Communication Congress (30C3) in Hamburg geht es vor allem um Sicherheit im Internet und Mobilfunk, um Überwachung und Basteleien mit Computern. Aber wie immer geht es bei dem jährlichen Treffen des Chaos Computer Clubs auch um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technik.

In diesem Jahr wurde die Keynote erstmals nicht von einem Wissenschaftler, einem Hacker oder einem Aktivisten gehalten. Der Journalist Glenn Greenwald sprach im Auftaktvortrag davon, dass britische und amerikanische Medien angesichts des Überwachungsskandals ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen. Er warf ihnen vor, dass sie nur noch Sprachrohre der Mächtigen seien, statt diese zu hinterfragen und zu kontrollieren. Und er sagte mehrmals "wir", wo er auch "ihr" hätte sagen können.

Hat er selbst die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus überschritten? Und wenn ja, ist das schlecht oder nicht? Wir haben diese Frage in einem Artikel auf ZEIT ONLINE gestellt: "Braucht es mehr Meinung, mehr Position? Braucht es Journalisten, die auch jenseits ihrer Artikel und Berichte für etwas eintreten? Oder sollen Medien eher versuchen, so neutral wie möglich zu sein und anderen den Aktivismus überlassen?"

Greenwald reagierte darauf mit einem Tweet und fragte, ob Journalisten überhaupt neutral sein könnten angesichts von Überwachung und Geheimhaltung. Ob es denn besser sei, wenn sie ihre Haltungen verbergen würden. Daraus hat sich eine Debatte auf Twitter entwickelt, die auszugsweise in diesem Storify nachzulesen ist. 

"Sind wir nicht alle Aktivisten?"

Neutralität gibt es nicht, darüber besteht Einigkeit. Auch nicht im Journalismus. Jeder hat eine Meinung, eine Haltung. Schon durch die Auswahl, was sie berichten und was nicht, zeigen Medien ihre Einstellung. Greenwald fragte dazu, wenn kein Journalist neutral sei, "sind dann nicht alle Journalisten auch Aktivisten"?

Eine wichtige Frage. Allerdings eine, die zuerst einmal Kontext braucht, Zusammenhang. Greenwald ist ein Sonderfall. Er berichtet einerseits sachlich, lässt alle Seiten zu Wort kommen, er hält sich an klassische journalistische Standards. Andererseits war er beispielsweise in seinem Blog schon immer mehr als nur Berichterstatter. Und wenn er zu seiner eigenen Rolle im Überwachungsskandal gefragt wird, verlässt er die neutrale Position und wird zum Freiheitskämpfer.

Auch ein Journalist ist ein Bürger

Er macht damit seine Haltung öffentlich und tut das, was er selbst und völlig zu Recht von anderen fordert – transparent sein. Nicht zuletzt, weil er zum Opfer derjenigen geworden ist, die er kritisiert. Die amerikanische und die britische Regierung setzen ihn und seine Mitstreiter unter Druck, er selbst mag derzeit nicht einmal mehr Brasilien verlassen. 

Hinzukommt, dass seine Enthüllungen nahelegen, dass er selbst und alle anderen Menschen auf diesem Planeten von der NSA-Affäre betroffen sind. Und natürlich ist auch ein Journalist ein Bürger, der für seine Rechte eintreten kann.