Demo in Washington im Oktober unter dem Motto "stop watching us" © REUTERS/Jonathan Ernst

Wir nennen es Freiheit und Demokratie, aber wir werden darin überwacht – flächendeckend, ohne Anlass und ohne Ende. Es gibt keine Privatsphäre mehr, keine unbeobachteten Räume, nicht einmal mehr Spiele sind noch harmlos genug, um uns dort in Ruhe zu lassen. Wir erleben das Ende individueller Freiheit.

Und wer protestiert dagegen? Ein paar Nerds mit Plastikmasken, acht Unternehmen, die mit Datensammlungen und Überwachung Geld verdienen und 562 Schriftsteller. Das war's.

Nach jahrelangen Debatten über den Großen Lauschangriff, biometrische Daten, Vorratsdatenspeicherung, Funkzellenüberwachung und immer neuen Enthüllungen, was noch alles heimlich ausgespäht wird, gibt es kein Anzeichen dafür, dass sich ein breiter Protest der Bürger formiert. Nicht in den USA, deren Bewohner ständig die Freiheit im Munde führen, nicht im datenschutzbewussten Deutschland, nirgends.

"Alle Menschen haben das Recht, in ihren Gedanken und Privaträumen, in ihren Briefen und Gesprächen frei und unbeobachtet zu bleiben", schreiben die 562 Autoren in ihrer internationalen Petition. "Dieses existenzielle Menschenrecht ist inzwischen null und nichtig, weil Staaten und Konzerne die technologischen Entwicklungen zum Zwecke der Überwachung massiv missbrauchen. Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr."

Auch die DDR-Bürgerrechtler waren allein machtlos

Das ist nur zu wahr, und trotzdem scheint es kaum jemanden zu berühren. Fatalismus, Angst, Unverständnis, Ignoranz, andere Sorgen? Was genau verhindert, dass Hunderttausende, dass Millionen Menschen auf die Straße gehen und an die Tore ihrer Regierungen trommeln, ist eigentlich egal. Dass sie es nicht tun, ist das Entscheidende. Solange die Wähler nicht zeigen, dass sie nicht überwacht werden wollen, werden die Gewählten ihr Verhalten nicht ändern. Warum sollten sie auch? Wie Sascha Lobo in Erinnerung an ein Zitat von George W. Bush richtig schreibt: "Sie hassen unsere Freiheit."

Der Aufruf der acht Internetunternehmen sei heuchlerisch, sie wollten nur ihre Kunden beruhigt wissen, um weiter Geld zu verdienen, ätzen nun die Zyniker und Fatalisten. Der Aufruf der Schriftsteller sei naiv, sie hätten sowieso keinen Einfluss auf solche Entscheidungen. Beides stimmt nur, solange diese Initiativen von niemandem unterstützt werden, solange sie auf Desinteresse und Mutlosigkeit stoßen. Mit anderen Worten: Wer nur mit Häme und Desinteresse auf die Appelle gegen den Überwachungswahn reagiert, verkennt, dass sie sich nicht nur an Regierungen und Geheimdienste richten.

Auch die Bürgerrechtler in der DDR waren machtlos und ihre Flugblätter und offenen Briefe waren das Papier nicht wert, auf dem sie standen – solange bis jeden Montag Zehntausende Menschen auf die Straße gingen und die Parolen der Aufrufe öffentlich wiederholten, monatelang, bis sich etwas änderte.

Bürger oder Untertan?

In der Demokratie machen alle die Regeln. Wer unzufrieden mit etwas ist, kann, darf und soll das zeigen. Bürger ist ein stolzes Wort für jene, die Rechte haben und für ihre Rechte auch eintreten. Jemand, der in einem Staat lebt und sich dessen Gewalt unterwirft, nennt man hingegen Untertan.

Nicht die öffentlichen Aufrufe der Schriftsteller und Unternehmen werden dafür sorgen, dass die Überwachung eingeschränkt und besser kontrolliert wird. Das können wir nur selbst, indem wir uns entscheiden, keine Untertanen zu sein.