Klassiker von Reclam – wollte man alle längst gelesen haben. © Peter Endig / dpa

Als Nutzer der Leseplattform Goodreads wird man nicht nur darüber informiert, was die Freunde gelesen und bewertet haben, sondern auch, was sie auf ihre Want-to-read-Liste gesetzt haben. Höchst anständige Leser sind meine Freunde, die schon ganz bald die elfbändige Ausgabe der Goncourt-Tagebücher zu lesen planen. Auf ihren "Gelesen"-Listen tauchen dann doch eher Bücher über Raumfahrt, Mord und Tentakelmonster auf.

Dass die Want-to-read-Liste nicht vollständig in eine Liste gelesener Bücher umgewandelt wird, ist normal und zu erwarten. Die Lesepläne der meisten Leser überschreiten die zur Verfügung stehende Lesezeit. In einer denkbaren Version sind die gelesenen Bücher am Ende des betrachteten Zeitraums eine kleine Teilmenge der Want-to-read-Liste (als Mengendiagramm: das Eigelb im Spiegelei der Lesepläne). "Was die relative Zahl betrifft, hab ich etwa mein fünffaches jährliches Lesevolumen in der Liste. Weniger schiene mir ungesund ... Ich finde überoptimistische Lesevorsätze ein Zeichen von Intelligenz, fast ein notwendiges", schreibt Goodreads-Nutzer André Spiegel in einer Facebook-Diskussion.

Tatsächlich wird kaum jemand ausschließlich die Bücher seiner To-read-Liste lesen, es kommen noch ein paar Geschenke und Zufallsfunde hinzu. In der grafischen Darstellung läge die Menge der gelesenen Bücher dann zu einem größeren Teil innerhalb der Wunschliste und zu einem kleineren Teil außerhalb. In der Version, die ich für die wahrscheinlichste halte, überschneiden sich die beiden Kreise aber wenig bis gar nicht. Wunschliste und gelesene Bücher sind getrennte Welten.

Leseplattformen wie Goodreads oder Lovelybooks verfügen zwar über die Daten, denen man entnehmen könnte, ob mein Verdacht stimmt, sie halten sie aber unter Verschluss. Allenfalls werden hin und wieder die Ergebnisse einer Leserabstimmung über ungelesene Bücher veröffentlicht, was an die Anekdote erinnert, in der die Länge der Nase des chinesischen Kaisers durch eine Umfrage im Volk ermittelt wird. Immerhin gibt es außerhalb der Buchbranche Anbieter, die einen offeneren Umgang mit ihren Erkenntnissen über das Kundenverhalten pflegen, zum Beispiel die Filmplattform Netflix.

Bei Netflix schrieb man 2006 den mit einer Million US-Dollar dotierten Netflix Prize für eine Verbesserung des Empfehlungsalgorithmus um 10 Prozent aus. Der Preis wurde zwar 2009 auch vergeben, der neue Algorithmus kam aber nie zum Einsatz. Das lag unter anderem daran, dass Netflix ab 2007 vom Verleih von DVDs per Post auf das Streaming von Filmen umstieg und dadurch präzisere Erkenntnisse über das Filmkonsumverhalten der Nutzer gewann. Netflix kann seitdem nicht mehr nur erfassen, welche Filme angefordert werden, sondern auch, welche Filme die Nutzer sehen und ob sie dabei bis zum Ende durchhalten.

Wir wollen anspruchsvoll sein, nur nicht jetzt

Aber auch das Konsumverhalten der Nutzer änderte sich: Da die Netflix-Kunden eine Monatspauschale zahlen, können sie kostenlos Filmanfänge testen, bis sie sich für einen Film entscheiden. Während man sich beim DVD-Versand die Entscheidung für einen Film gut überlegen musste, genügt es jetzt, eine Weile herumzuprobieren. Und wenn der Zeitpunkt, zu dem man einen Film sehen möchte, wie beim DVD-Versand in der Zukunft liegt, treffen Nutzer andere Entscheidungen, als wenn es darum geht, jetzt gleich einen Film zu sehen. Das zukünftige Ich, das wir uns vorstellen, ist ein anspruchsvollerer Kunde als das gegenwärtige, das dann doch lieber Ice Age 8 gucken und The Fog of War auf ein andermal verschieben möchte.

Das ist keine neue Erkenntnis. Verhaltensökonomen haben dieses Verhalten schon zu Prä-Netflix-Zeiten erforscht, zum Beispiel in einer Studie von Daniel Reid, George Loewenstein und Shobana Kalyanaraman aus dem Jahr 1999. Der Hinweis auf die Studie stammt von Dan Ariely, der sie 2011 in einem Wired-Artikel kommentierte: "Im Prinzip wollen wir gern Leute sein, die anspruchsvolle Filme gucken, womöglich sogar französische – nur nicht gerade heute Abend! Und so wird unsere Wunschliste aspirational, sie füllt sich mit ambitionierteren Filmen als denen, die wir eigentlich sehen wollen."

Die großen Lügen des Onlinedatings

Einem Interview mit zwei Netflix-Mitarbeitern aus dem Jahr 2013 zufolge orientieren wir uns auch bei der Bewertung gesehener Filme eher an der Meinung der besseren Menschen, die wir gerne wären. Auf die Frage des Interviewers, warum in seinen Empfehlungen so viele Filme mit einer Prognose von nur zwei oder drei von fünf Sternen auftauchten, antwortet Carlos Gomez-Uribe, bei Netflix zuständig für Produktinnovation und Personalisierungsalgorithmen: "Die Leute geben gute Bewertungen für Filme wie Schindlers Liste ab, nicht für die albernen Comedys, die ich gern sehe, so was wie Hot Tub Time Machine. Wenn man den Nutzern lauter Vier- und Fünf-Sterne-Empfehlungen vorsetzt, wollen sie solche Filme noch lange nicht am Mittwochabend nach der Arbeit sehen. Das Nutzerverhalten ist unsere wichtigste Datenbasis. (...) Viele geben an, dass sie oft ausländische Filme oder Dokumentarfilme sehen. Aber in der Praxis kommt das kaum vor."

Die Erforschung des Kundenverhaltens durch Unternehmen, aber auch die Quantified-Self-Bewegung im Privatleben machen sichtbarer, wo im Alltag Wunschdenken und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Die Betreiber der Datingplattform OkCupid veröffentlichten bis zur Übernahme durch match.com hin und wieder Analysen ihrer Nutzerdaten. Aus dieser Reihe stammt der Beitrag The Big Lies People Tell In Online Dating, aus dem unter anderem hervorgeht, dass 80 Prozent der Nutzer, die als sexuelle Orientierung "bisexuell" angeben, ausschließlich Nachrichten an eins der beiden Geschlechter verschicken. Vielleicht wollen diese Nutzer mit ihrer Einstufung sexuelle Aufgeschlossenheit signalisieren, vielleicht planen sie, sich eines fernen Tages tatsächlich einmal gleichgeschlechtlich zu betätigen, sobald sie ihre Diplomarbeit fertiggeschrieben und endlich die ganzen guten Bücher auf ihrer Wunschliste gelesen haben.

Eine Diskrepanz zwischen Absicht und Umsetzung gibt es auf vielen Gebieten. Nur waren die überoptimistischen Zukunftspläne bisher meist kostenpflichtig. Ein Beispiel sind Buchklubs, wie Arne Janning in der erwähnten Facebook-Diskussion beschreibt: "Als Student unterschrieb ich eine Mitgliedserklärung, freudige Hoffnung auf eine Eintrittskarte in die Bildungsbürgerwelt. In der Folge türmten sich Bücherlieferungen auf meinem Schreibtisch, nur hatte ich keine Zeit, das alles zu bewältigen. Was einmal Hoffnung war, wurde Anklage: Mit jeder Lieferung wurde mein Versagen deutlicher. Ich habe daraufhin gekündigt, musste die ausstehenden Lieferungen dennoch bezahlen. Am Ende saß ich da mit 34.914 Seiten Werkausgabe von Goethe. Buchklubs kapitalisieren genau diesen Abstand zwischen 'want to read' und 'read'."

Alles erhoffen, um ein wenig zu bekommen

Für Nicht-Buchklubmitglieder kann der Stapel ungelesener Bücher neben dem Bett diese Rolle auch ganz gut übernehmen. Jahresabos fürs Fitnessstudio sind aspirational, also von Ehrgeiz geprägt und führen dazu, dass man tatsächlich seltener zum Training erscheint als die Inhaber von Monatskarten. Die Haushalte sind voll mit Staub ansetzenden Brotbackmaschinen, Keimzuchttöpfen, Saftpressen, Fonduesets und Hometrainern, die davon erzählen, was man bestimmt schon bald für ein durchtrainierter, gesunder und gastfreundlicher Mensch sein wird. Immerhin ist es erfreulich, dass Illusionen über das künftige Ich in Form digitaler Wunschlisten keine direkten Kosten mehr erzeugen.

Und es sind ja auch keine reinen Illusionen. Vielleicht muss man in der Gegenwart prächtige, realitätsferne Pläne entwerfen, um irgendwann in der Zukunft wenigstens eine Winzigkeit durchtrainierter, netter und belesener zu werden. Das würde bedeuten, dass es absolut richtig ist, ehrgeizige To-read-Listen anzulegen, ohne sie für bloßes Wunschdenken zu halten. Man müsste dann nur auch ab und zu nachsehen, wie weit sich das tatsächliche Leseverhalten mit dem imaginierten zur Deckung bringen lässt. Und sich vom Ergebnis nicht entmutigen lassen.