Die Mutter von jemandem, der überhaupt nicht ich ist, besitzt seit einigen Monaten ein iPad, und es dauerte nicht lange, bis sie beim gemeinsamen Mittagessen das Gerät aufklappte, mit der Begründung, sie müsse "nur mal schnell nach dem Scrabble sehen". Im Gespräch mit Nutzern von Nicht-Apple-Hardware preist sie die überlegene Schönheit und Benutzerfreundlichkeit ihres Geräts auf eine Art, von der weisere Applenutzer bereits wissen, wie gut sie bei den Adressaten ankommt: nämlich gar nicht. Demnächst wird sie vermutlich damit anfangen, anonym unanständige Wörter zu legen. Sie ist in der Internetpubertät.

So eine Internetpubertät bringt offenbar unabhängig vom Lebensalter recht ähnliche Verhaltensweisen mit sich. Laute und nervtötende Klingeltöne hört man in der Öffentlichkeit eigentlich nur noch aus Rentnerhandys. Das hat vermutlich weniger mit Schwerhörigkeit zu tun als damit, dass diese Altersgruppe erst spät in die Phase des Klingeltongetöses eingetreten ist und sie entsprechend später wieder verlassen wird.

Anders als die körperliche hat man die Netzpubertät aber nicht einfach nach ein paar Jahren ein für allemal hinter sich. Jede neue technische Entwicklung bringt neue Aufgabenstellungen mit sich. Mag sein, dass es ein paar Konstanten gibt: Die Fähigkeit, Trollerei an sich abperlen zu lassen oder auf Profilbildern nicht wie ein Serienmörder auszusehen, muss eventuell nur ein einziges Mal erlernt werden. Aber wer vor fünfzehn oder zwanzig Jahren mühsam gelernt hat, die Prokrastinationsversuchungen von Computerspielen in den Griff zu bekommen, erwirbt keine Immunität gegen die der sozialen Netzwerke oder der Spiele-Apps. Wer sich im Netz der Vergangenheit bewegte wie ein Fisch im Wasser, verhält sich in der Gegenwart vielleicht trotzdem oder gerade deshalb eher wie die Katze im Swimmingpool.

So eine Pubertät ist nicht nur ein schlechter Scherz der Evolution. Pubertät bedeutet auch: Man sammelt andere Erfahrungen als die Menschen um einen herum und muss sich dafür regelmäßig rechtfertigen. Naturgemäß übertreibt man es dabei ein bisschen, man verursacht Lärm und ästhetische Herausforderungen, die einem später vielleicht leid tun; in der Regel aber wird dieses Andere später zur Normalität. "Das Neue braucht Freunde", wie Anton Ego, der Gastrokritiker aus Ratatouille sagt, und häufig stecken diese Freunde des Neuen eben gerade in einer Pubertätsphase.

Netz-Midlife-Crisis

Analog zu den verschiedenen Netzpubertäten kann einen auch immer wieder mal eine Netz-Midlife-Crisis befallen. "Facebook habe ich nicht mehr. Durchgespielt.", schrieb Julia Seeliger vor ein paar Wochen. "Twitter war damals, 2008, 2009, als ich noch abends mit plomlompom und anderen Berliner Bohemiens chattete, auch unschuldiger. Überhaupt war es schöner, als die Berliner Bohème noch so etwas wie eine Verheißung war. Twitter ist zwar immer noch ein schönes Spiel, aber man hat – nach den großen Stürmen – nun auch alles gesehen."

Stefan Schulz beklagte Ende 2012: "2008, als wir beispielsweise mit den Sozialtheoristen anfingen, war WordPress gerade soweit, benutzbar zu sein, man hatte die Technologie durchschaut, doch wozu man sie benutzen konnte, darum rankten sich überall noch Wille, Wünsche und Vorstellungen. Heute ist das Internet fast ausschließlich zum Sprungbrett der Möchtegerne verkümmert. (...) Die ganzen Flüssigkeits- und Schwarmanalogien haben sich nur in einem Sinne bewahrheitet: Hass, Lustlosigkeit und Langeweile. Die wenigen Ecken, in denen konstruktiv, lebensfroh und lustig agiert wird, werden kaum noch beachtet. Sie werden einfach überspült."

Oder liegen die goldenen Zeiten noch weiter zurück, 2005 oder 2006 vielleicht? "Aber ich vermisse sehr oft die Zeit des offenen, unzensierten Austauschs von vor 7-8 Jahren, den echten Gefühlsausbrüchen, als das Ganze noch Web 2.0 hieß und irgendwie neu war." So schrieb Sascha Aßbach Anfang 2014. Schlimm auch der Niedergang der Internetcafés Ende der 90er, die großen Betreiberketten zerstörten die Kultur der etablierten Netzcafés, das Surfen war keine gesellige Angelegenheit mehr.

Und erinnert sich denn niemand mehr an das Usenet? Doch, Matthias Bauer: "Unser Netz war im IRC, im Usenet, in unseren selbst gehosteten Blogs, vielleicht sogar in Gopher, unser Netz war in Mailboxen, im Fidonet, im Z-Netz, unser Netz war Notepad und HoTMetaL, Joe’s Own Editor und blosxom, CGI.pm und Webrings. Da war die Chance, dass jede gleichberechtigt teilnehmen konnte, und die Herausforderung, das auch jeder zu ermöglichen. Und statt die freien, selbstverwalteten Tools und Mittel besser zugänglich und einfacher bedienbar zu machen, haben wir Plattformen gebaut statt interoperabler Systeme. Und dann – und ich bin unsicher, ob die Plattformen schon der Sündenfall waren, oder dies: – kam die Werbung, kamen die ganzen alten Geschäftsmodelle, die schon in der Offline-Welt scheiße waren, wo sich alles dieser Maschinerie unterordnete: Menschen, Beziehungen, Inhalte. Alles ist nur so viel wert, wie man in Bannern und Sponsorings herum bauen kann. Die Utopie ist vorbei, bevor sie angefangen hat."

Wahrscheinlich geht es spätestens seit 1993 bergab. Hey, you kids!

Was haben die Römer je für uns getan?

Na gut, es ist einfacher denn je, im Netz selbst Inhalte zu veröffentlichen. Man kann es in der Tasche mit sich herumtragen. Viel mehr als früher läuft im Browser und damit betriebssystemunabhängig. Websites sind nicht mehr so statisch wie in den 90ern. Es gibt die Wikipedia, das einfache Teilen von Fotos und Videos, Crowdsourcing, Crowdfunding und die Mobilisierungsmöglichkeiten, die erst durch die sozialen Netzwerke zum Beispiel für Crowdfundingprojekte verfügbar wurden. Das Netz ist nicht mehr nur für eine kleine und homogene Gruppe da, sondern für einen Großteil der Bevölkerung, und ein bisschen schneller ist es auch geworden. Aber was haben die Römer je für uns getan?

Dass ein so weites Feld wie "das Internet" binnen weniger Jahre vollständig auf den Hund gekommen sein soll, ist so unwahrscheinlich wie die gleichzeitige Pauschalverrottung der gesamten Literatur oder Musik. Wenn man alt genug ist, sich mit Ockhams Rasiermesser zu rasieren, verwechselt man Vorgänge im eigenen Leben vielleicht etwas weniger leicht mit einer Veränderung der ganzen Welt. Mit ein bisschen Glück folgt darauf eine Netz-Alzheimerphase, man vergisst die Misere und hat den Kopf wieder frei für die nächste Pubertät.