Wenn man Paul Fehlinger fragt, wie es dem Internet geht, fährt sich der junge Diplomat durch die Haare. Und dann durch den Bart. Eine schwierige Frage. Denn er soll es ja zusammenhalten, das Internet. Das ist die Mission der Organisation, die er mitgegründet hat. Aber das wird plötzlich immer komplizierter. "Das Internet ist keine Naturgegebenheit", sagt Fehlinger. "Es steht keineswegs fest, dass es weiterhin ein globales Netz geben wird."

Dabei war doch genau das immer die Vision. 2,7 Milliarden Menschen sind mittlerweile im Netz. Grenzenlose Märkte, grenzenlose Freundschaften – jeder konnte sich mit jedem vernetzen. Worldwide – das war das Lebensgefühl der Epoche in der Fehlinger aufwuchs. In Business Schools übten Studenten das Blindkontaktieren von Unternehmensführern, aus Pakistan twitterte ein Dorfbewohner die Stürmung des Bin-Laden-Anwesens an den Rest der Welt. In der Grenzenlosigkeit besteht der Wert des Internets.

Jetzt fällt das Netz auseinander. Unternehmer und Führer der sogenannten technischen Gemeinschaft des Internets sprechen von der "Fragmentierung". Fehlingers Organisation, das Internet & Jurisdiction Project, will dagegen ankämpfen.

Auslöser sind die erschütternden Enthüllungen über die NSA. Plötzlich scheint allen klar zu werden, dass Daten gleichzeitig Macht und Kapital sind. Nicht nur Unternehmen oder die NSA sammeln sie. Auch die Geheimdienste Chinas, Russlands, Nordkoreas oder Syriens schnüffeln hemmungslos im Netz.

Kampagnen zur nationalen "Datenhoheit"

Immer mehr Länder legen nun Grenzen um ihr Internet, angeblich um ihre Bürger zu schützen. Als Anfang September herauskam, dass die USA die Staatsführer von Brasilien und Mexiko abhörten, war Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff so wütend, dass sie ihren geplanten Staatsbesuch in den USA verschob. Drei Wochen darauf, am 24. September, erklärte Dilma Rousseff bei einer Rede vor der UN die Verabschiedung einer "Internetverfassung für Brasilien" zur Top-Priorität.

Ihr Marco Civil da Internet steht archetypisch für die weltweit wachsende Zahl staatlicher Kampagnen zu nationaler "Datenhoheit". Wenn der Marco Civil in Kraft tritt, muss zukünftig jeder der in Brasiliens Internet auftauchen will, seine Daten auch auf Servern vor Ort speichern.

Die Telekom und der Plan vom "Schlandnetz"

Außerdem könnten Anbieter von Webinhalten in Brasilien zukünftig verpflichtet werden, einen Vertreter im Land zu haben. Jede Schülerin, die einen Musikblog betreibt, müsste demnach einen Stellvertreter in Brasilien bezahlen. Andernfalls könnte man sie aus dem dortigen Internet verbannen.

In Deutschland gibt es Pläne, die in eine ähnliche Richtung gehen. Als im Oktober herauskam, dass Angela Merkels Mobiltelefon abgehört worden war, zweifelte die Kanzlerin zuerst an der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft – dann wurden Pläne laut, ein deutschlandspezifisches Internet zu errichten.

"Die Deutsche Telekom will … ein rein deutsches Internet bauen. Datenpakete sollen in Zukunft so gelenkt werden, dass sie nur über deutsche Leitungen verschickt werden, wenn sie einen hiesigen Absender und Empfänger haben", schrieb der Spiegel. Man müsse "nur noch einen" Datenknotenpunkt errichten, um ein "unabhängiges Internet" zu schaffen. "Schlandnetz", lachten manche. Solche Ideen hatten früher nur Länder wie Iran.

Zweifelhaftes Vorbild für demokratische Staaten

National mehr oder minder stark abgeschirmte "Internets" existieren längst, in Ländern mit stark eingeschränkter Meinungsfreiheit wie China, Nordkorea, Bahrain, Vietnam oder Saudi Arabien. Diese Länder haben bewiesen: Technisch ist die Aufteilung des Internets zumindest in einem gewissen Ausmaß kein Problem. Auch Russland schirmt das russischsprachige Ru-Net seit Längerem ab. Offiziell geht es dabei um den "Kampf gegen den Terror". Neu ist, dass diese Modelle zum Vorbild für demokratische Staaten werden. Zur neuen Normalität.

Genau diese "Nationalisierung des Internets" fürchtet Paul Fehlinger. Das Internet beruhe auf "transnationalen" Vereinbarungen zwischen nichtstaatlichen Akteuren. Es sei eben nicht "international", also zwischenstaatlich. Bei der Konstruktion des Netzes nahmen dessen Erfinder keine Rücksicht auf Staatsgrenzen. Wenn nun ein Nationalisierungswettbewerb einsetzt, alle ihre Grenzen unkoordiniert ins Netz tragen, wäre das globale Internet am Ende, glaubt Fehlinger. "Das Internet", hat Tim Berners-Lee, einer seiner Erfinder, einmal gesagt, "ist eher eine gesellschaftliche Erfindung, als eine technische." Daher ist es auch auf der menschlichen Ebene am zerbrechlichsten.

Eric Schmidts Vision von der Visumspflicht fürs Internet

Nicht nur die auf einem offenen Netz beruhende globale Wirtschaft droht dann zu implodieren. Junge globale Unternehmen wie Twitter oder Tumblr könnten gar nicht mehr geboren werden angesichts teurer Eintrittsbarrieren wie der Verpflichtung, weltweit vor Ort Daten zu speichern. Für Bürger könnte sich gar die Vision des Google-Verwaltungsratspräsidenten Eric Schmidt bewahrheiten, der bereits Anfang 2013 vermutet hatte, dass im World Wide Web eines Tages die Visumspflicht eingeführt werden könnte. Internetnutzer müssten sich dann bei staatlichen Stellen die Erlaubnis einholen, um im Ausland zu surfen.

Noch heute lachen manche in den USA über den früheren Präsidenten George W. Bush, der vor wenigen Jahren wiederholt den Plural für das Internet benutzt hatte. Sein Begriff "the Internets" wurde zum geflügelten Wort. Mehrere Internets? Es schien ein Witz.

Wie nationale Grenzen im Netz aussehen, das weiß eigentlich jeder. Es sind die blockierten Videos, die in manchen Ländern abrufbar sind, in anderen nicht. Die automatischen Umleitungen, die plötzlich von einer .com-Adresse zu einer .de-Adresse führen, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Staaten und Unternehmen können den Standort von Usern ermitteln und Webinhalte regional sperren lassen. Die weltweite .com-Webseite von Twitter blockiert eigenständig Tweets in gewissen Ländern, um dortigem Recht und Sitten zu folgen. China lässt Fehlermeldungen anzeigen bei verbotenen Inhalten. Google sucht dort so langsam, dass man lieber die landeseigene Suchmaschine Baidu benutzt – die linientreu vieles ausschließt. Auf WeChat, der wichtigsten sozialen Plattform Chinas, werden User vor manchen Links gewarnt.

Profitieren könnten Unternehmen und Regierungen

"Das Internet ist eine Vertrauensgemeinschaft", sagt Markus Kummer, Vizepräsident der Internet Society, eines weltweiten Zentralverbands der Internet-Gemeinschaft. Im Grunde bestehe es einfach aus einer Reihe loser Vereinbarungen, oft nicht einmal schriftlich fixierter Verträge zwischen Organisationen, die das gute Funktionieren des Internets sicherstellen sollen. Vertrauen sei die Grundlage aller Verträge. Nun aber sei "die Vertrauenskette gebrochen". Jetzt folge die natürliche Reaktion nach dem Schock: "Man versucht sich zu schützen und zieht eine Mauer um sich."

Davon profitieren könnten nationale Suchmaschinen, Websicherheitsunternehmen oder Datenspeicherdienste. In der Schweiz hat die Swisscom bereits im Oktober Überlegungen geäußert, eine "sichere Schweizer Cloud" zur Datenspeicherung innerhalb der Landesgrenzen anzubieten.

Profitieren würden auch die Staaten, sagt der britische Urheberrechtsanwalt Robert Carolina: "Das Internet ist schon lange fragmentiert." Nun hätten einfach die Staaten technisch aufgeholt, und könnten Schutzpflichten gegenüber Bürgern und deren Eigentum durchsetzen. Das Zeitalter der Netzutopien sei vorbei, sagt Carolina. Es gäbe keine Umkehr. "Eines Tages werden wir zurückdenken an diese Zeit, als wir glaubten, dass es keine Grenzen gab im Netz. Und wir werden uns fragen, wie wir damals so naiv sein konnten."

Netzaktivisten wie Daniel Domscheit-Berg, früher bei der Enthüllungsplattform WikiLeaks, graut davor: "Was wir hier sehen, ist der Kampf der alten Ordnung gegen die neue Welt. Die Staaten wollen die Kontrolle zurück."

Paul Fehlinger glaubt, dass wenn nur alle an einen Tisch kommen würden, ein neues Rechtssystem ausgehandelt werden könne, um das Internet zu retten. "Wir benötigen eine Art neuen Westfälischen Frieden, Mechanismen zur Vermittlung zwischen Staaten, Unternehmen und Internetnutzern – damit das Netz nicht nach geografischen Grenzen aufgeteilt wird." Er will, wie so viele in der technischen Gemeinschaft des Webs, die Vision retten.