Psychologen lamentierten über Narzissmus, Marketingexperten sprachen über die Markenpflege in eigener Sache. Es wurde über obsessive Körperideale diskutiert und über die Kontrolle des eigenen Images. 2013 war das Jahr des Selfie, zumindest in der englischsprachigen Welt. Das Oxford English Dictionary erklärte Selfie zum Wort des Jahres.

Das Phänomen löst selbst bei Forschern emotionale Reaktionen aus. Das Selbstporträt, hochgeladen auf Social-Media-Seiten wie Facebook oder Instagram – ein eindeutiges Symptom für die Selbstverliebtheit der Unter-30-Jährigen? Ein Beweis für die Verkommenheit der Jugend, die ohnehin seit Jahrtausenden immer schlimmer wird? Dem Faszinosum Selfie kann man auch ohne Weltuntergangsrhetorik und ausschweifende Vorannahmen begegnen. Jedenfalls kann man es versuchen.

Genau das hat das Team um den New Yorker Medienwissenschaftler und Digital-Humanities-Forscher Lev Manovich getan. Die Forscher wollten mit dem Projekt Selfiecity den Stil der Instagram-Selfies in fünf sogenannten global cities untersuchen. Dafür haben sie 140.000 Instagram-Fotos aus fünf Städten – New York City, Berlin, Bangkok, São Paulo und Moskau – zufällig ausgewählt. Alle wurden in einer Woche im Oktober 2013 aufgenommen.

Anschließend haben Microtasking-Arbeiter, die über Amazon Mechanical Turk angeheuert wurden, die Bilddatenbank nach Selfies durchkämmt. Drei besonders erfahrene Arbeiter mussten dann bei jedem Selfie bestimmen, ob darauf ein Mann oder eine Frau zu sehen ist, und das Alter der Person schätzen. Danach bestimmte eine Gesichtsanalyse-Software die Kopfposition und die Stimmung ("ruhig" – "wütend" – "glücklich") der Person.

Eine Sportart der Jungen

Das Ergebnis dieser Fotoanalyse ist die Grundlage für eine unterhaltsame HTML5-Visualisierung. Damit lässt sich herausfinden, wo die glücklichsten Brillenträger leben (in São Paulo), wie viele "ruhige" Männer es in Moskau gibt (30) und wo die Heimat der meisten Über-30-jährigen Selfie-Enthusiasten liegt (in New York City).

Neben solchem smalltalk-fähigen Partywissen gab es auch basale empirische Befunde. Trotz des Selfie-Hypes waren je nach Stadt nur zwischen drei und fünf Prozent der Fotos Selfies. Gilt die Medienaufmerksamkeit also einem Minderheitenphänomen? Kaum überraschend ist die Tatsache, dass das geschätzte mittlere Alter aller Selfie-Fotografen bei 23,7 Jahren lag. Dass Selfies schießen eine Sportart für die Jugend ist, haben bereits mehrere Autoren vermutet und auch schon andere Studien bestätigt.