ÜberwachungstechnikSpähsoftware bleibt deutscher Exportschlager

In Dubai startet am Montag wieder die wichtigste Messe für Überwachungstechnik. Deutsche Firmen zählen zu den erfolgreichsten Anbietern. Sie liefern an Kunden wie Syrien. von Jennifer Stange

"Freedom technologies", diesen euphorischen Ausdruck benutzte Hillary Clinton 2011 für soziale Netzwerke, Mobiltelefone und das Internet insgesamt. Die Verbreitung dieser "Freiheitstechnologien" in aller Welt sei nichts anderes als eine "menschenrechtsorientierte Außenpolitik", sagte die damalige amerikanische Außenministerin. Nach ihrer engagierten Rede wurden in China alle Suchergebnisse für "Hillary Clinton" gesperrt.

Heute wissen wir, Clinton hat etwas verschwiegen: Der Freiheit des Internets folgt die digitale Kontrolle auf den Fuß. Nicht nur in China, nicht nur durch die USA. In vielen Staaten wächst die Nachfrage nach Überwachungstechnik. Gestillt wird sie häufig von deutschen Unternehmen.

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Viele Vertreter dieser Firmen dürften am Wochenende mit dem Packen ihrer Koffer beschäftigt sein. Am Montag beginnt wieder die ISS World Middle East in Dubai: eine Messe, auf der sich vor allem die Staaten des Mittleren Ostens und Nordafrikas mit der neuesten Spionagetechnik eindecken. Laut Privacy International ist Deutschland nach den USA und Großbritannien der drittgrößte Exporteur dieser Technologie weltweit. Neben Asien wächst vor allem in den arabischen Staaten die Nachfrage.

Trovicor aus München, das Nachfolgeunternehmen von Nokia Siemens Networks, ist in diesem Jahr Hauptsponsor der Messe. Acht weitere deutsche Unternehmen sind im Programm der ISS World angekündigt. Trovicor rühmt sich, in über 100 Länder zu liefern und bietet auf seiner Homepage Werkzeuge und Technologien, welche die massenhafte Analyse riesiger Datenmengen jedweder Herkunft ermöglichen. Aus diesen Datenbergen wird schnell und akkurat Verdächtiges aufgespürt. Natürlich dient das der Bekämpfung des Terrorismus und von schwerer Kriminalität, heißt es.

Sensible Technologie im Iran im Einsatz

Menschenrechtsorganisation werfen Trovicor vor, an autoritäre Regime wie Syrien, Iran, Jemen und nach Bahrain geliefert zu haben. Dank dieser Technik sollen Oppositionelle aufgespürt und gefoltert worden sein.

Reporter ohne Grenzen legte deshalb gegen Trovicor und das deutsch-britische Unternehmen Gamma Beschwerde bei der OECD ein. "Im Fall Trovico haben wir sehr deutliche Hinweise darauf, dass Trovicor bis zum vergangenen Jahr Monitoring Center in Bahrain gewartet haben", erklärt Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen in Berlin. Mit diesem System lassen sich praktisch unbegrenzt die Handy- und Internetkommunikation überwachen.

Auch in den Iran soll diese Technologie damals noch durch Nokia Siemens Networks geliefert worden sein. Gezielt und schnell konnten iranische Sicherheitskräfte bei der Protestwelle 2009/2010 Oppositionelle aufspüren. Anwälte der Inhaftierten berichteten von Handy- und Internetdaten, die als Belastungsmaterial vorgelegt wurden.

Leserkommentare
  1. ...das wäre alles Neuland und die Amerikaner wären uns so weit voraus.
    Ich würde mir einen sarkastischen A.....ablachen wenn sich herausstellt das die deutsche Regierung mit deutscher Qualitätssoftware abgehört wird...

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    • keats
    • 02. März 2014 9:13 Uhr
    2. [...]

    Doppelpost. Die Redaktion/se

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    • Ron777
    • 02. März 2014 14:07 Uhr

    Wenn deutsche Unternehmen Waffen verkaufen, unterstützen wir Kriege. Wenn es Spähsoftware ist, scheinbar ebenfalls. Wenn wir Fahrzeuge exportieren, ruinieren wir das Weltklima. Wenn wir Rohstoffe oder Waren aus Entwicklungsländern importieren, beuten wir die dortigen Menschen aus. Selbst wenn wir Medizintechnik oder Tabletten exportieren, werfen Sie uns vor, diese an die Leidenden nicht umsonst abzugeben.

    Führen Sie Ihre Einstellung einmal zu Ende: Was soll ein Hightech-Land wie Deutschland eigentlich tun?

    • keats
    • 02. März 2014 9:13 Uhr

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se

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  2. Die deutsche Industrie hat "diplomatisches Rüstzeug", damals in Form stählerner Hardware, heute eher als subtil-diskrete Software, schon immer gern an Freund und Feind gleichermaßen verkauft. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage ist eine verdammt einfache Politik, viel einfacher als jede Ideologie, die sich Parteien ins Programm schreiben, sei es die Losung "Nie wieder Krieg von deutschem Boden", sei es das Gebot der christlichen Nächstenliebe. Profit ist der Joker, der alles schlägt.

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    • GDH
    • 02. März 2014 11:25 Uhr

    Selbst wirtschaftliche Vernunft sollte eigentlich gegen so eine Strategie sprechen. Software kann man überall entwickeln. Ein nachhaltiger (und nicht so leicht zu kopierender) Vorteil wäre hingegen ein Ruf als vertrauenswürdiger IT-Standort.

    Die Branchen, in denen der Kunde eher gegen Spionage eingestellt ist, machen insgesamt immernoch mehr Umsatz als die Überwachungsbranche.

    Die aktuelle Politik kann ich mir mit keinem (wie auch immer verstandenen) nationalen Interesse erklären. Da bleibt eigentlich nur das Persönliche Interesse der jeweiligen Politiker (sei es, dass sie erpressbar sind, Spenden erhalten oder auf einen "guten" Job im Anschluss an die Politikkarriere spekulieren).

  3. Wir sind Weltmeister in der Herstellung von Überwachungssoftware und Waffenbau, verkaufen das Zeug in die ganze Welt und jammern dann rum, wenn wir abgehört werden und beklagen bitterlich, dass die Welt um uns herum Kriege führt.
    Heuchelei einer moralisch selbstherrlichen Nation.

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  4. da könnte ruhig noch mehr gehn...

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  5. sind soviel weiter davon entfernt echte Freiheit zu kennen und zu genießen als jeder in den angesprochenen Ländern verfolgte Aktivist.

    Mein Beileid.

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  6. und deine Freunde kaufen es ganz von selbst und noch mehr. So macht man Profit im Waffen- und Kriegsgeschäft.
    Ach, ihr wusstet das nicht?

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