Am Montag weckte ein kleines Erdbeben die Bewohner von Los Angeles auf. Um 6 Uhr 28 Pacific Standard Time, drei Minuten nach dem Erdbeben, hatte die Los Angeles Times einen Bericht dazu auf ihrer Homepage, schneller als alle anderen lokalen Medien. 

Stärke 4,4, Epizentrum rund neun Kilometer nord-nordwestlich von Westwood, einem Stadtteil von Los Angeles – alle relevanten Eckdaten waren enthalten. Ein ganz gewöhnlicher Nachrichtentext also. Doch es war kein Redakteur, der ihn verfasst hat, sondern ein Computerprogramm namens Quakebot – Erdbeben-Roboter.

Die US-amerikanische Geologiebehörde veröffentlicht auf ihrer Webseite zu jedem Erdbeben, das sie registriert, einige Zahlen. Neben der Stärke des Erdbebens wird die Uhrzeit veröffentlicht, die geografische Lage und die Tiefe des Epizentrums. Dazu kommt eine Liste von nahegelegenen Ortschaften. Mit diesen Daten füllt Quakebot eine Textvorlage aus. Nach ein paar Sekunden ist der Bericht fertig.

Doch ganz ohne Menschen geht es nicht, denn auch der Computer des U.S. Geological Survey, dessen Daten Quakebot verarbeitet, macht Fehler. Manchmal gibt es fehlerhafte Warnungen und inkonsistente Daten. Niemand weiß das besser als Ken Schwencke: Der L.A. Times-Redakteur hat Quakebot vor zwei Jahren entwickelt.

Schwencke ist es auch, der Quakebot-Texte veröffentlicht und mit seinem Namen für die Berichte geradesteht. Sie tragen allerdings den Hinweis, dass sie von einem Algorithmus verfasst wurden. So war es auch am Montag: Schwencke sah den Quakebot-Text im Redaktionssystem und publizierte ihn.

Geschwindigkeit statt Ästhetik

Bei Quakebot geht es nicht um Textästhetik oder preiswürdige Reportagen. Was zählt, ist allein die Geschwindigkeit. Das Programm schafft eine Grundlage für eine weitere Berichterstattung, die von Menschen gemacht wird. Die können dann mit Augenzeugen und Experten reden, Schäden an Gebäuden in Augenschein nehmen oder über kommunale Politik und Erdbebenschutz sinnieren. Bis zur Mittagszeit, sechs Stunden nach dem Erdbeben, haben menschliche Journalisten den Quakebot-Bericht Dutzende Male ergänzt und überarbeitet.

Reporter-Automaten wie Quakebot kommen zum Einsatz, wenn aus frei verfügbaren Daten standardisierte Berichte entstehen sollen. Was sie liefern, ist eine Art primitiver Datenjournalismus ohne Einordnung und Analyse. Finanz- und Sportberichterstattungen sind dafür naheliegende Beispiele.

Wenn bekannt ist, wann bei einem Drittliga-Spiel ein Tor fiel, wann ein Spieler ausgewechselt wurde und wann es wegen Ausschreitungen zum Spielabbruch kam, kann ein Computer einen Spielbericht schreiben – einen Spielbericht, den ein Mensch nie geschrieben hätte. Roboter könnten Medienunternehmen helfen, neue Zielgruppen zu erschließen und Content anzubieten, dessen Produktion andernfalls nicht lukrativ wäre. So argumentieren jedenfalls Unternehmen wie Narrative Science oder Automated Insights, die mit Software für algorithmic journalism Geld verdienen und Technologien entwickeln, die weit komplexer sind als Quakebot.

Noch können Algorithmen Menschen nicht ersetzen

Doch selbst hochkomplexe Algorithmen können menschlichen Journalisten lediglich das Leben erleichtern, indem sie ihnen langweilige Routineaufgaben abnehmen. Ähnlich sieht es auch Ken Schwencke: "Die Technik nimmt niemandem den Job weg. Im Gegenteil, sie macht den Job interessanter", sagte er slate.com.

Für bestimmte Textsorten sind Roboterjournalisten also gut genug, wenn die Menge der Daten und ihre Qualität stimmen.Irgendwann könnte der computergestützte algorithmic journalism auch in neue Genres vorstoßen.

Dass menschengemachter Journalismus zum Nischenprodukt wird, wie handgeschöpftes Papier oder Olivenöl aus bei Vollmond geernteten Früchten, ist aber nicht zu erwarten. Denn für alles, was über nackte Fakten hinausgeht, müsste eine Maschine zum Beispiel in der Lage sein, Emotionen zu deuten, historische Zusammenhänge zu erkennen, Informationen zu gewichten und spielerisch mit Sprache umzugehen. Das alles ist Zukunftsmusik.