Es war ein stolzer Tag für die alte West-Berliner City: Nach jahrelanger Renovierung wurde in der vergangenen Woche das frisch-renovierte Bikini-Haus in der Nähe vom Bahnhof Zoo neu eröffnet. In den fünfziger Jahren war das Geschäftshaus eines der modernsten Einkaufszentren West-Deutschlands. Doch nach dem Fall der Mauer, als der Osten der Hauptstadt neu entdeckt wurde, vergammelte das denkmalgeschützte Gebäude zusammen mit seiner Umgebung. Jetzt hat es wieder eröffnet und beherbergt wie einst Edelboutiquen und schicke Inneneinrichtungsgeschäfte.

Wer vergessen hat, wie das alte Schmuddel-Bikini-Haus mit den Billig-Läden und Tattoo-Studios im Erdgeschoss einmal aussah, muss nur den Browser öffnen: Bei Google Street View ist die ganze Gegend um den Berliner Bahnhof Zoo noch in ihrem alten ranzigen Flair zu bewundern. Eine unrenovierte Gedächtniskirche steht gegenüber vom unrenovierten Zoo-Palast, in dem immer noch der Animationsfilm "Kung Fu Panda" von 2008 gezeigt wird. Dort, wo heute das neue Waldorf-Astoria-Hotel steht, befindet sich lediglich eine tiefe Baugrube. Und düster versperrt das 2009 abgerissene Schimmelpfeng-Haus den Blick in die Kantstraße.

Im Februar hat Google zwar begonnen, die Navigation von Street View weltweit zu aktualisieren. Seither erscheinen Fotos in einer Leiste unter den Stadtpanoramen; man kann sich alternative Routen und bei größeren Entfernungen sogar die Flugzeiten anzeigen lassen; automatisch werden Bewertungen von Google+ präsentiert. Doch das Bildmaterial ist das noch alte.

Das bei Touristen wieder hoch im Kurs stehende Areal um den alten West-Berliner Hauptbahnhof ist keineswegs die einzige Gegend in der sich rasch verändernden Hauptstadt, die schon lange nicht mehr so aussieht, wie Google Street View sie zeigt. Manche Baulücke, die auf Googles fotografischer 3-D-Landkarte noch zu sehen ist, ist längst zugebaut, manche von Bauplanen verdeckte Fassade erstrahlt real in neuer Pracht.

Keine Pläne zur Aktualisierung

Bei Google Street View kann man noch den originalen Stuttgarter Hauptbahnhof besichtigen. Die Hamburger HafenCity, die in den vergangenen Jahren aus dem Boden gestampft wurde, ist noch nicht mal in Rohbauten zu erahnen. Die virtuellen Versionen der zwanzig deutschen Städte, die Google für seinen Kartendienst ab 2008 abfotografiert hat, sind im Begriff, zu Internet-Stadtmuseen zu werden. 

Und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern: Laut Pressestelle von Google gibt es keine Pläne, die Aufnahmen der deutschen Städte bei Google Street View zu aktualisieren.

Das kann nicht nur daran liegen, dass Google zu sehr damit beschäftigt ist, den Rest der Welt von seinen Spezialfahrzeugen ablichten zu lassen. Tokio und Utrecht sind bereits seit Langem bei Street View zu betrachten. Trotzdem fährt in beiden Städten derzeit die Google-Flotte wieder die Straßen ab, um die Stadtansichten zu aktualisieren. Das geht aus einer Website von Google Maps hervor, auf der verzeichnet ist, wo das Unternehmen derzeit seine Fotowagen herumschickt: Für Deutschland heißt es da wortkarg: "Landesweit keine Fahrten". In großem Stil wird dafür derzeit gerade Mexiko erstmals erfasst.

Als aus Germany "Blurmany" wurde

... in Google Street View aber läuft dort noch der Film "Kung Fu Panda" von 2008. © Screenshot ZEIT ONLINE / Google Street View

Auch wenn das bei Google offiziell niemand zu einem Medienvertreter sagen will: ganz offensichtlich hat man die Lust an der Digitalisierung des Weichbilds deutscher Städte verloren, nachdem es zum Start des deutschen Street Views Proteste hagelte. Datenschützer legten Gutachten vor, nach denen Googles Ansatz in Teilen rechtswidrig war, Politiker und die Presse fielen über das Projekt her.

In keinem anderen Land der Welt brach über Google so ein Sturm der Entrüstung herein wie in Deutschland. Nach Protesten aus der Bevölkerung ging das Unternehmen dazu über, seine Fahrten vorab anzukündigen. Mehr als 240.000 Menschen beantragten, dass die Fassaden ihrer Häuser im Netz verpixelt würden. Das waren zwar nur rund drei Prozent der von Google erfassten Haushalte. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde aus Germany dennoch "Blurmany".

2011 brach Google die Digitalisierung Deutschlands ab. In den Karten von zwanzig deutschen Groß- und Mittelstädten kann man seither das kleine, gelbe Männchen, "Pegman" genannt, auf die virtuelle Landkarte hüpfen lassen, um sie sich aus der Fußgängerperspektive anzusehen. Weitere Städte aber sind nicht mehr hinzugekommen. Auch die Fotos der erfassten Städte sollen nicht mehr aktualisiert werden. Das bleibt womöglich solange so, bis Google Street View so nützlich ist wie ein Stadtplan vom alten Ost-Berlin, um sich in der Hauptstadt der Gegenwart zurecht zu finden.