Diskussionen über die Kommentarkultur im Netz drehen sich fast immer um Trolle und Shitstorms. Dabei zersetzen und zermürben langweilige Kommentare ein Gespräch ebenso zuverlässig, und sie kommen viel häufiger vor. Öde Kommentare sind wie Moder im Gebälk: leicht zu übersehen, nicht so spannend wie ein brennendes Haus, aber das Ergebnis ist dasselbe. Wobei dieser Vergleich nicht ganz stimmt, denn Vermodern ist ein langsamer Vorgang, Langweiligkeit aber kann ein Gespräch genauso schnell zerstören wie Pöbelei.

Die Diskussion über Trolle und Shitstorms wird unter anderem deshalb so gern geführt, weil das Problem sich leicht projizieren lässt. Die Trolle, das sind die anderen. Langweilige, das Thema verfehlende oder das Gespräch nicht voranbringende Kommentare schreibt man nicht selten selbst.

Aber was macht einen Kommentar langweilig? In meinem Internet enthält ein uninteressanter Kommentar Meinungsäußerungen ohne Begründung, im schlimmsten Fall formelhafte Kritik oder formelhaftes Lob ("LOOOL"). Für Letzteres ist schließlich das Faven, Liken und Plussen erfunden worden. Wer dasselbe trotzdem noch mal in Worten sagt, ist wie jemand, der es nicht dabei bewenden lassen kann, Schweiß zu vergießen, sondern unbedingt auch noch "Schwitz!" rufen muss. Dann kommen Behauptungen, die ausschließlich mit persönlichen Erlebnissen begründet werden, Wortspiele und Cleverness ohne Nutzwert.

Langeweile in Kommentaren hat nichts mit dem Thema zu tun. Aleks Scholz, Astrophysiker: "Ich lese regelmäßig Sportblogs, und da gibt es genau dieselbe Bandbreite an Interessanz und Langeweile wie in Astronomieblogs. Überhaupt Astronomieblogs: Beim Bad Astronomer sind die allermeisten Kommentare 'toll! das ist so interessant! wahnsinn!'"

Aber Langweiligkeit liegt im Auge des Betrachters, und ich weiß, dass andere Menschen sich für andere Kommentarqualitäten interessieren. Es sind sich ja auch keineswegs alle darüber einig, was ein ödes Buch oder ein öder Film ist. Genau genommen bin ich je nach Tagesform und Kontext gelegentlich selbst so ein anderer Mensch. Dann will ich in Kommentaren Häme, Meme und Geburtstagskuchenfotos sehen. Na gut, Geburtstagskuchenfotos eigentlich nie. Außer es ist ein wirklich ungewöhnlich großartiger Kuchen.

Soziale Fellpflege

Paul Graham, Gründer der Nachrichtensite Hacker News, schreibt dort in einer Diskussion über die Erhaltung der Kommentarqualität: "The problem has several components: comments that are (a) mean and/or (b) dumb that (c) get massively upvoted." Punkt c), die Tatsache, dass diese Kommentare zahlreiche Upvotes bekommen, deutet darauf hin, dass sie nicht von allen als bösartig oder langweilig wahrgenommen werden.

Wahrgenommene Langweiligkeit entsteht, wenn an einem Ort unterschiedliche Meinungen über den Zweck des Kommentierens aufeinandertreffen. Alte Schulfreunde, die bei Facebook "süüüüß" unter meine Äußerungen kommentieren, betrachten die Plattform vermutlich in erster Linie als Werkzeug zur sozialen Fellpflege (oder sind betrunken). Das heißt, dass auch Upvotes und Downvotes, dort, wo sie existieren, nicht für alle Nutzer dasselbe bedeuten: Die einen meinen mit einem Upvote, dass ihnen der Ansatz des Arguments, wenn auch nicht der Inhalt gefällt, die anderen meinen damit, dass der Kommentar zwar inhaltlich falsch oder sozial zersetzend, aber sehr lustig ist, und wieder andere, dass das Argument zwar schlampig ist, diese seltene und richtige Meinung aber grundsätzlich Unterstützung verdient.

Als Google Plus neu war, wurde darüber diskutiert, wie sinnvoll es ist, dass dort jeder Reshare eines Beitrags eine neue Instanz des Beitrags erzeugt. Mitte Juli 2011, Google Plus war gerade zwei Wochen alt, schrieb ich dort angesichts meiner komplett mit Sascha-Lobo-Reshares gefüllten Timeline: "Wer Sascha Lobo resharet, der wäscht auch Spülmittel ab. Wer Sascha Lobo resharet, der nummeriert auch Zahlen. Wer Sascha Lobo resharet, der sagt auch in der Sauna 'Ist das heiß hier!'" Ich begründete das mit einer Rechnung von Pia Ziefle: "den lesen bei 10.000 Followern und 5.000 google+ Usern doch eh alle".

Kurze Zeit später wurde mir klar, dass Googles Designentscheidung so dumm nicht war, denn "manchmal trägt die Redundanz ja doch etwas zur Diskussion bei, wenn nämlich die Kommentare unter dem Original uninteressant sind, unter irgendeinem Reshare aber spannend". Es ging gar nicht in erster Linie darum, den Sascha-Lobo-Beitrag auch denen zu zeigen, die ihn vielleicht noch nicht gesehen hatten – wobei ich mittlerweile glaube, dass Pia Ziefles und meine Vorstellung falsch waren und es durchaus lobolose Gegenden im Internet gibt – sondern es ging darum, unterschiedliche Kommentarorte zu eröffnen und dadurch unterschiedlichen Kommentierbedürfnissen Raum zu geben.

Der Ort macht die Debatte

Im eigenen Facebookprofil, im eigenen Blog, unter selbst erzeugten Reshares bei Facebook, Tumblr, Google Plus kann man hoffen, dass Kommentarthreads ungefähr den Charakter annehmen, den man selbst für den attraktivsten hält. Auch die Unmanierlichkeit wird dadurch eingedämmt, denn, wie Tumblr-Gründer David Karp immer wieder in Interviews sagt: Wenn man auf dem eigenen Grundstück kommentiert statt im Kleingedruckten anderswo, dann reduzieren sich dadurch gehässige und undurchdachte Kommentare.

Probleme entstehen immer dann, wenn zu viele unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen am selben Kommentarort aufeinandertreffen, so wie in den Kommentarrubriken von Zeitungen. Dann sind alle Kommentare langweilig, ärgerlich oder im ungünstigsten Fall beides. Solche zentralisierten Kommentarorte funktionieren oft ähnlich wie die YouTube-Kommentare nach dem Write-only-Modus: Man schneuzt seinen Kommentar hinein, um ihn loszuwerden, aber niemand interessiert sich für eine Betrachtung der Ergebnisse.

Unterschiedliche Orte fördern unterschiedliche Kommentarqualitäten. Geht es um konstruktive Debatten, ist eine kleine bis mittelgroße, relativ homogene Gruppe förderlich. Diese Orte neigen nach einer produktiven Anfangsphase entweder zur Stagnation, wenn es keinen Zustrom von außen gibt, oder sie wachsen und verändern ihren Charakter. Große, offene, anonyme Angebote fördern die Beweglichkeit und die Witzqualität, aber in den Kommentaren geht es nicht mehr um das ursprüngliche Thema, sondern um die Selbstdarstellung des Kommentators und den schnellen Scherz.

Selbst der langweiligste Kommentar kann interessant sein

Aus der Metaperspektive ist allerdings auch der langweiligste Kommentar interessant. Der Soziologe Murray Davis beschrieb 1971 in einem bis heute viel zitierten Artikel, was wissenschaftliche Theorien interessant macht. Eine Kurzfassung steht in dieser Guardian-Kolumne von Oliver Burkeman, der ich den Hinweis auf Davis verdanke. Interessant werden Aussagen Davis zufolge dadurch, dass sie kontraintuitiv sind. Ihr Verfasser behauptet das Gegenteil einer schwachen Überzeugung seiner Leser. Der Angriff auf starke Überzeugungen hingegen führt nicht zu Aha-Erlebnissen, sondern zu Streit: Etwas bisher für allgemeingültig Gehaltenes ist in Wirklichkeit ein Sonderfall, ein bisher für schädlich gehaltenes Phänomen in Wirklichkeit nützlich, scheinbar Unzusammenhängendes ist Teil eines Ganzen.

Hat man von einem Thema aber noch keine Ahnung, dann braucht man gar keine neuen Denkmuster. Es ist dann fürs Erste interessant genug, die vorhandenen zu betrachten. Umgekehrt bedeutet die Klage, die Diskussionsbeiträge an einem Ort seien über die Jahre immer langweiliger geworden, oft nur, dass man selbst aus den dort behandelten Themen herausgewachsen ist. Konzepte, die einem anfangs innovativ und spannend erschienen, sind jetzt angestaubt, die Diskussionen scheinen sich im Kreis zu drehen. Gleichzeitig stoßen weiterhin neue Nutzer hinzu, die genau dieselben Kommentare interessant finden und sich nur wünschen, die Alteingesessenen würden nicht von früh bis spät über den Niedergang des jeweiligen Ortes klagen.

Und auch im Überdruss über die immergleichen Strukturen beispielsweise rassistischer und sexistischer Kommentare steckt ein Erkenntniswert. In Prä-Internet-Zeiten war es vermutlich kein Allgemeinwissen, dass die häufigste Form solcher Äußerungen mit "Ich bin ja kein Rassist/Sexist, aber …" anfängt. Ich bin ja keine Sexistin, aber ich habe früher selbst oft meine Sätze so begonnen. Langweilige und dumme Kommentare haben mich klüger gemacht.