"Stellen Sie sich ein Betriebssystem vor, das Ihre beliebtesten Programme auf Ihrer beliebtesten Hardware ausführt, komplett frei und Open Source ist" – mit diesem Slogan macht das Projekt  ReactOS nun Werbung für seine neue Community Edition. Das Ziel: Mindestens 50.000 Dollar wollen die Entwickler einsammeln, damit das Projekt endlich alltagstauglich wird.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn in dieser Woche veröffentlicht Microsoft zum letzten Mal ein offizielles Update für sein zwölf Jahre altes Betriebssystem Windows XP. Der offizielle Ratschlag des Konzerns: Nutzer sollen auf das aktuelle Windows 8 umsteigen. Das ist jedoch nach wie vor bei vielen Nutzern unbeliebt. ReactOS, das ohne die umstrittene Kacheloberfläche auskommt, kann da punkten und so zum Ersatz für Windows werden. Bereits wenige Tage nach dem Start der Aktion spendeten Nutzer 8.000 Dollar.

 
Windows-Nachbau statt Linux

Die direkte Nachfolge von Windows XP kann das Projekt jedoch nicht antreten. Über zehn Jahre nach Start des Projekts ist ReactOS noch weit von der Fertigstellung entfernt. Die derzeit noch aktuelle Version 0.3 ist instabil, wesentliche Funktionen fehlen. Bei der nun anstehenden Version 0.4 soll sich das ändern: Endlich bekommt ReactOS die Fähigkeit, mit Netzwerken umzugehen, der Sound ist funktionsfähig und die Oberfläche läuft nach Aussagen der Entwickler stabil. Trotzdem ist das Projekt immer noch im Alpha-Stadium, einer Art Testphase für die Entwickler. Wer es schon jetzt installiert, muss mit Grafikfehlern und Abstürzen rechnen.

ReactOS ist ebenfalls keine Windows-Alternative wie zum Beispiel das offene Betriebssystem Linux. Es soll vielmehr eine Eins-zu-eins-Kopie des Originals werden. "Meiner Meinung nach ist Windows ein Spitzensystem", sagt Daniel Reimer, stellvertretender Vorsitzender des Vereins ReactOS Deutschland, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Sein Ziel: ReactOS soll auf einem normalen PC laufen und Windows-Programme unterstützen. Wenn alles gut läuft, soll das Ziel in zwei Jahren erreicht sein, hofft Reimer. Bisher haben die Entwickler schon 4,9 Millionen Zeilen Programmcode geschrieben. Zum Vergleich: Windows XP besteht aus mehr als 40 Millionen Zeilen Code.

Kopieren ohne zu klauen

Die ReactOS-Entwickler können nicht einfach Windows auseinandernehmen, um es nachzubauen. Zwar lässt sich mit einer sogenannten Dekompilierung aus einem fertigen Programm der Programmcode wieder weitgehend herstellen. Doch diesen einfach zu übernehmen wäre ein eindeutiger Verstoß gegen das Urheberrecht.

Stattdessen nutzen die Windows-Nachbauer das sogenannte Cleanroom-Prinzip: Ein Team dekompiliert das Original-Programm und schaut sich an, welche Aufgaben die Software löst und dokumentiert das Funktionsprinzip genau. Aus dieser Dokumentation erstellt ein anderes Team dann den Neubau. Diese Herangehensweise ist aber nicht immer möglich – oder notwendig. Microsoft stellt teilweise bereits fertige Dokumentationen zum Nachbauen bestimmter Funktionen bereit.

Mit den Spenden wollen die ReactOS-Entwickler die Entwicklung nun beschleunigen. Statt sich nur in der Freizeit dem Hobby zu widmen, sollen Entwickler von Kernkomponenten bezahlt werden, um in Vollzeit an dem Projekt arbeiten können. Als ein Anreiz für die Spender können diese abstimmen, welche Programme auf der Windows-Alternative lauffähig sein sollen.