Seit Tagen sind Twitter und YouTube für Internetnutzer in der Türkei gesperrt. Zunächst gab es einen vergleichsweise einfachen und weit verbreiteten Weg, diese Zensur zu umgehen. Unternehmen wie Google halfen dabei mit sogenannten alternativen DNS-Routern. Das sind, vereinfacht gesagt, Umleitungen im Netz. Damit ist nun erst einmal Schluss. Nach Angaben der Sicherheitsfirmen BGPmon und Renesys blockiert der größte türkische Internetprovider Türk Telekom alternative DNS-Server von Google und anderen Firmen. Nun landen die Nutzer zwangsläufig beim zensierten DNS-Server ihres Providers.

Die Twitter-Sperre war von Erdoğan höchstpersönlich angeordnet worden, YouTube wurde von der türkischen Telekommunikationsbehörde ohne Richterbeschluss gesperrt.

Um zu verstehen, wie die neue Blockade der Provider funktioniert, ist ein kleiner Exkurs in das Thema Domain Name System (DNS) notwendig. Ein DNS-Server ist vergleichbar mit einem Telefonbuch: Für Menschen lesbare Domainnamen wie zum Beispiel blogs.zeit.de werden in maschinenlesbare Form übersetzt. Aus blogs.zeit.de wird dann 217.13.68.220, die eigentliche IP-Adresse der ZEIT-ONLINE-Blogs.

Alle Internetprovider betreiben eigene DNS-Server, die ihren Kunden zur Verfügung stehen. Sie sind mit zentralen Hauptservern verbunden, die sozusagen das Original-Telefonbuch verwalten, auf welches die Provider sich beziehen. Jedes mal, wenn man im Browser einen Domainnamen eingibt oder eine E-Mail versendet, wird der DNS-Server kontaktiert, um herauszufinden, wie die IP-Adresse von zeit.de oder gmail.com lautet.

Bei Regierungen beliebte Zensurmethode

Die IP-Adressen der DNS-Server sind normalerweise im heimischen Router hinterlegt, der Vorgang der DNS-Abfrage läuft meist reibungslos und unsichtbar für den Nutzer. Es sei denn, der Provider entscheidet sich dafür, das Internet-Telefonbuch durcheinanderzubringen, um den Zugang zu bestimmten Domainnamen zu erschweren – so geschehen im Zuge der staatlich durchgesetzten Twitter- und YouTube-Sperre in der Türkei.

Was dann passiert: Der Nutzer ruft Twitter auf, sein Rechner schickt eine Anfrage zum DNS-Server des Providers, doch dieser lässt die Anfrage einfach unbeantwortet. Der Browser meldet: "Server nicht gefunden". Er kann die Twitter-Website nicht laden.

Diese Methode ist bei vielen Regierungen beliebt, wenn es darum geht, die Mehrheit der Internetnutzer von bestimmten Webseiten abzuschneiden. Doch mit ein paar Tricks kann man die Sperre umgehen – dazu muss man lediglich im Betriebssystem des Laptops oder des Smartphones einen sogenannten alternativen DNS-Server angeben.

Tor-Nutzung in der Türkei hat sich verdoppelt

Solche Server stellen Unternehmen wie OpenDNS, Google und Level 3 oder Organisationen wie der Chaos Computer Club zur Verfügung. Sie funktionieren genau so wie die DNS-Server der Provider, unterliegen aber nicht der staatlichen Zensur. So konnten türkische Nutzer bis vor Kurzem Twitter und YouTube aufrufen, wenn sie vorher den Google-DNS-Server 8.8.8.8 konfiguriert hatten. Diese Methode gegen Zensur ist in der Türkei sehr populär, auf Twitter kursierten sogar Fotos von Graffitis mit der Adresse des Google-DNS-Servers.

Damit ist jetzt Schluss, denn große türkische Provider wie Türk Telekom gehen gegen alternative DNS-Server vor. Nach Angaben von Google schalten sich neuerdings fast alle türkischen Provider bei der DNS-Anfrage zwischen den Nutzer und den alternativen DNS-Server. Faktisch geben sich türkische Provider als Google, OpenDNS oder Level 3 aus.

So landen alle Anfragen beim DNS-Server des türkischen Providers, die Zensur greift wieder. Die Betreiber der alternativen DNS-Server können gegen diese Manipulation nichts unternehmen – sie haben keinerlei Kontrolle über die Netzwerke in der Türkei.

Wer die türkische Internet-Zensur jetzt noch umgehen will, braucht eine VPN-Verbindung ins Ausland oder den Tor-Browser, der Daten über eine Kette von Proxyservern zum eigentlichen Ziel leitet und damit die Anfragen der Nutzer verschleiert. Der Datenverkehr aus der Türkei über das Tor-Netzwerk hat sich zuletzt mehr als verdoppelt.