Screenshots der App "Let Me Talk" © Let Me Talk

Als Doreen Kröber beschließt, zur App-Entwicklerin zu werden, liegt ihr Sohn Max auf der Intensivstation. Der 12-Jährige hat große Schmerzen, braucht Medikamente. Aber in welcher Dosis? Wie stark sind die Schmerzen? Für Max sind das schwierige Fragen. Denn er ist Autist. Sich seiner Außenwelt mitzuteilen fällt ihm manchmal schwer.

Seine Mutter Doreen Kröber sucht nach einer Lösung für das Kommunikationsproblem im Krankenhaus. Sie findet eine App. Mit der Grace-App fürs Apples Betriebssystem iOS kann Max auf einer Smiley-Skala zeigen, wie es ihm geht. Über Bilder teilt er mit, wo es ihm wehtut. Kröber ist froh, doch die App ist nicht nur kompliziert, sondern auch noch teuer.

Die alleinerziehende Mutter sucht nach einer Alternative, die sich auch Eltern autistischer Kinder leisten können, die nicht genügend Geld für Apple-Produkte haben. Gemeinsam mit Freiwilligen entwickelt Kröber die kostenlose Android-App Let Me Talk.

Auf der Digitalkonferenz re:publica hat das Entwickler-Team um Kröber und Programmierer Jens-Uwe Rumstich am Mittwoch über seine Arbeit an Let Me Talk gesprochen. Auch Kröbers Sohn Max, heute 14 Jahre alt, ist da. Seine Mutter begrüßt ihn mit einem Küsschen auf die Backe. Er setzt sich nicht in die vollen Stuhlreihen, sondern separat und zieht bald sein Smartphone aus der Hosentasche. In bestimmten Situationen fällt ihm das Sprechen schwer, sagt Doreen Kröber. "Wenn er zum Beispiel krank ist, redet er auch mit mir nicht. Dann kommunizieren wir jetzt über die App."

Nutzer können sich in der App Sätze basteln

Let Me Talk umfasst 9.000 Bilder, die Alltagssituationen abdecken und für bestimmte Wörter stehen. In der Kategorie Essen sind farbige Grafiken von Toast, Äpfeln, Butter. Andere Bilderordner beschäftigen sich mit Gefühlen, Krankheit oder Kleidung.

In der Metakategorie "Satzbau" können diese Bilder mit Satzteilen verknüpft werden: "Ich kann nicht", "Mir geht es gut", "Danke".  Nutzer der App basteln sich so nach dem Baukastenprinzip einen Satz. Zum Beispiel am Frühstückstisch: "Ich möchte Toast, Butter, Marmelade." Der über die Bildermenüs zusammengestellte Satz kann dann von einer Computerstimme vorgelesen werden – oder der Nutzer liest ihn selber vom Display seines mobilen Geräts ab.

Für Menschen mit Autismus können diese Funktionen hilfreich sein. Ihnen fällt es oft schwer, die Gefühlslage ihres Gegenübers zu deuten und entsprechend darauf zu reagieren. Andererseits können sie eigene Gefühle und Bedürfnisse nur schwer formulieren. Besonders in Notfallsituationen soll Let Me Talk Autisten helfen, der Außenwelt mitzuteilen, was sie brauchen und wie sie sich fühlen. Wie die App genau funktioniert, zeigen Videotutorials auf der Website der App oder eine Rezension auf YouTube.

Wenn ihr Sohn schläft, arbeitet Kröber an der App

Kröber hat viel Zeit investiert, zusammen mit Programmierer Rumstich und zwei anderen Freiwilligen. "Die App war ein Herzensprojekt von mir", sagt sie auf der re:publica. Als ihr Sohn in der Schule war, setzte sich Kröber an den Laptop, arbeitete noch im Schlafanzug am Konzept. "Und wenn Max abends wieder im Bett war, habe ich in meinem Bett weitergetestet, wieder im Schlafanzug", sagt Kröber.

In den ersten fünf Monaten nach dem Launch der App haben über 5.000 Menschen die Anwendung heruntergeladen. Weil es die Anwendung für viele verschiedenen Sprachen gibt, nutzen jetzt nicht nur Deutsche das Angebot, sondern auch Menschen in den USA oder Spanien.

Welche Kategorien es in der App geben soll und welche Bilder dort hinein gehören, das hat Max bestimmt. Wie stark die App sich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer ausrichtet, zeigt sich auch an der Personalisierbarkeit. Nutzer können die Grundausstattung der App erweitern, indem sie eigene Bilder hochladen. Die Beschriftungen unter den Bildern können geändert oder ganz ausgeblendet werden, da Autisten die Worte als störend empfinden könnten.

Die Idee, Max direkt in das Projekt einzubinden, hat nicht nur das Endprodukt, die App, beeinflusst: "Max ist durch die App kommunikativer geworden", sagt seine Mutter. "Er ist total selbstbewusst und stolz geworden." Nach den Ferien habe er in der Schule einen Aufsatz über seine Erlebnisse abgeben sollen, erzählt Doreen Kröber. Max‘ Aufsatz war einen Satz lang. Er schrieb: "Wir entwickeln eine App."