Keine Werbung, keine hastig zusammengeschriebenen Nachrichten – dafür gründliche Recherchen, viele Informationen und Geschichten, die so woanders nicht stehen. Das ist der Traum vieler Journalisten und zumindest in den Niederlanden offensichtlich auch der Traum vieler Leser. Das Projekt De Correspondent bekam im September 2013 von 15.000 potenziellen Lesern in nur acht Tagen eine Million Euro, um ein entsprechendes journalistisches Experiment zu starten.

Diesen Erfolg möchten deutsche Journalisten nun wiederholen. "Gründe mit uns ein Onlinemagazin", heißt der Aufruf ihrer Seite. Seit dem heutigen Dienstag sammelt Krautreporter Geld, um etwas Ähnliches aufzubauen: Bis zum 13. Juni will man 15.000 Abonnenten gewinnen, die bereit sind, jeden Monat fünf Euro für journalistische Berichte aus allen möglichen Bereichen zu zahlen. Das Ergebnis soll ein Onlinemagazin sein, das jeden Tag über Dinge berichtet, die andere nicht sehen oder nicht hartnäckig genug verfolgen.

"Wir wollen aus der Logik der Werbefinanzierung und Klickoptimierung ausbrechen", sagt Stefan Niggemeier zu der Idee. Vom Leser finanziert, allein für den Leser gemacht, das sei das Konzept. Der Medienjournalist und Bildblogger Niggemeier ist einer der Autoren der neuen Seite. Auf der Liste der Autoren stehen neben Niggemeier einige weitere Namen, die nicht nur in der Branche bekannt sind.

Beispielsweise der Sportreporter Jens Weinreich, der Militärexperte Thomas Wiegold, der Digitaljournalist Richard Gutjahr, außerdem Theresa Bäuerlein (Gesellschaft), Hanno Charisius (Medizin und Umwelt), Jessica Braun (Reisen), Tilo Jung (Videointerviews Jung & Naiv), Christoph Koch (nicht ganz unriskante Selbstversuche), Peer Schader (Medien- und Supermarktblogger) und andere mehr. Leiten wird die Redaktion Alexander von Streit, der zuletzt zwei Jahre lang das deutsche Wired-Magazin verantwortete und Herausgeber des Debattenportals Vocer ist. Insgesamt sind es 25 Namen.

Entwicklungsredaktion des deutschen Journalismus

Allen gemeinsam ist, dass sie seit Jahren mit den Möglichkeiten des Internets und des Journalismus experimentieren und sich dabei nicht auf die großen Verlage verlassen. Sie nutzen jede Form digitaler Kommunikation, sie machen Videos und Podcasts, bloggen und twittern. Und suchen immer neue Wege, mit ihren Lesern und Zuschauern zusammenzuarbeiten und Geschichten zu erzählen.

Krautreporter ist damit durchaus so etwas wie eine Entwicklungsredaktion des digitalen deutschen Journalismus. Vor allem aber will man den Beweis antreten, dass sich journalistische Berichte und Reportagen allein durch Abonnements finanzieren lassen.

"Wir wollen komplette Unabhängigkeit", sagt Sebastian Esser, einer der Gründer und der Herausgeber der Seite. Er hat zuvor schon ein anderes Experiment gestartet. Unter dem Namen Krautreporter war bislang eine Plattform online, auf der Journalisten ein bestimmtes Projekt vorstellen konnten. Wer sich dafür interessierte, konnte es mit Geld unterstützen und so möglich machen, wenn genug Geld zusammenkam. Krautreporter hat auf diesem Weg viele Geschichten hervorgebracht. Das soll es in irgendeiner Form weiter geben, wohl als Unterrubrik der neuen Seite. Der Name Krautreporter aber soll künftig allein für das neue Onlinemagazin stehen.

Esser sieht darin gleich mehrere Vorteile. Zum einen, weil es dann keinen teuren Verlag gebe, der mitbezahlt werden müsse. Der Zwischenhändler sei ausgeschaltet, sagt Esser. Zum anderen aber, weil der Kontakt zu den Lesern damit viel enger sei. "Zwischen uns und den Lesern gibt es nichts."

Für Leser, nicht für Werbekunden arbeiten

Wer sich eine Tageszeitung oder Zeitschrift kauft, der trägt mit seinem Kaufpreis nur zu einem Bruchteil die Kosten. Oft stammen im Schnitt lediglich dreißig Prozent der Einnahmen direkt von den Lesern. Die restlichen siebzig Prozent zahlen Firmen für Anzeigen und sie werden mit internen Shopmodellen erzielt. Auch wenn im deutschen Journalismus eine klare Trennung zwischen Werbung und Berichten vorgeschrieben ist, erliegen Medien immer wieder mal mehr, mal weniger der Versuchung, nicht nur an den Leser zu denken, sondern auch an die Werbekunden.

Krautreporter und ähnliche Projekte wollen diese Versuchung daher ausschließen. Fünf Euro mal zwölf Monate, von 15.000 Fans – das macht 900.000 Euro für ein Jahr. Das Geld fließt in die Redaktion. Alle Autoren sollen eine sogenannte Pauschale erhalten, also einen festen monatlichen Betrag von 2.000 bis 2.500 Euro, für den sie einen Text pro Woche liefern. Wem das zu aufwändig sei, der könne sich auch eine Pauschale mit einem Kollegen teilen und dann nur alle zwei Wochen schreiben, sagt Chefredakteur Alexander von Streit. Das Prinzip sei aber, allen ein festes Einkommen zu ermöglichen.

Daneben soll es ein Korrektorat und eine Fotoredaktion geben. Jeder Text wird außerdem auf korrekte Fakten gecheckt. Das machen die Autoren gegenseitig, in der Pauschale sind auch Redaktionsdienste enthalten.

Eine so große Redaktion allein durch Leser zu finanzieren, ohne einen Verlag oder ein anderes Unternehmen im Kreuz zu haben, hat hierzulande bislang allein die taz versucht. Überwiegend zumindest. In der taz gibt es nur wenig Werbung, die meisten Einnahmen kommen von Käufern und von Fördermitgliedern. Dieses Modell einer Genossenschaft will auch Krautreporter nutzen. Gelänge es, wäre es ein Beweis dafür, dass guter Journalismus ein Produkt ist, für das Menschen Geld auszugeben bereit sind. "Wir bitten die Leute, etwas zu ermöglichen, statt ihnen etwas zu verkaufen", sagt Esser. "Und wir wollen sie dabei nicht zwingen, indem wir das hinter einer Wand verstecken und den Zugang dazu anbieten."

Vier bis fünf Texte täglich ohne Paywall

Gleichzeitig könnte die Seite damit beweisen, dass das Jammern der Verlage Heuchelei ist. Manche Verleger klagen seit Langem, die Menschen seien immer weniger bereit, für Journalismus zu bezahlen, sie wollten alles entweder kostenlos oder gar nicht haben. Außerdem kassiere inzwischen Google das meiste Geld, das mit Werbung zu verdienen sei, sodass ihnen nichts bleibe, um teure Recherchen zu finanzieren.

De Correspondent zeigt, dass die Aussage in dieser Absolutheit nicht stimmen kann. Die niederländische Seite ist allerdings nicht frei zugänglich – nur wer sie abonniert hat, kann ihre Inhalte sehen.

Krautreporter will noch einen Schritt weiter gehen. Die vier bis fünf Texte pro Tag werden frei zugänglich sein, wer sie lesen will, muss nicht dafür zahlen. Wer zahlt, erhält allerdings mehr Zugang zur Redaktion – durch Einladungen zu für Abonnenten kostenlose Veranstaltungen, oder durch Kontakt zu den Autoren zum Beispiel über Google Hangouts. Und auch Artikel kommentieren kann nur, wer die fünf Euro im Monat überweist.

Er glaube fest daran, dass es funktioniere, sagt von Streit. Ob sich die 15.000 Unterstützer finden, ist allerdings schwer absehbar. "Wenn es nicht gelingt, dann haben wir es zumindest versucht."