Anfang der Woche hat Google seinem virtuellen Assistenten Google Now eine neue Funktion verpasst: Wer mit Googles Suchmaschine ein Produkt sucht und später an einem Geschäft vorbeiläuft, das dieses Produkt verkauft, wird nun von Google Now darauf hingewiesen.

Anders gesagt: Das Smartphone eines Menschen weiß in Zukunft, woran sein Besitzer zuvor gedacht hat und will ihn dann dazu bringen, es bei nächster Gelegenheit zu kaufen. Man kann das praktisch finden. Oder ein bisschen gruselig. Eben typisch Google.

Am heutigen Mittwoch schien Google noch eins drauflegen zu wollen. Um 12 Uhr ging eine Pressemitteilung samt Link auf eine niedlich gestaltete Website durchs Netz, in der das Unternehmen neue Produkte ankündigte, die selbst für Google-Verhältnisse irrwitzig erschienen.

Die neue Produktfamilie Google Nest besteht aus Google Trust, Google Bee, Google Hug und Google Bye. Trust ist eine "Datenversicherung": Google zahlt, falls Kriminelle oder Geheimdienste die persönlichen Daten eines Nutzers missbrauchen. Je mehr Google-Dienste man benutzt, desto mehr Geld bekommt man.

Hug ist ein Werkzeug, das erkennt, wann ein Nutzer mal eine Umarmung nötig hat, weil es ihm schlecht geht. Hug sucht dann in der Umgebung jemanden, dem es ähnlich geht und führt beide zueinander – damit sie sich umarmen können.

Bee ist eine Drohne, die auf die Kinder aufpasst, während die Eltern beschäftigt sind. Eine integrierte Kamera nimmt alles auf und schneidet am Ende des Tages ein Video. Bee soll sogar den Müll auf die Straße tragen können.

Bye ist eine Art Best-of aus den Daten eines Google-Nutzers, das nach seinem Tod automatisch zusammengestellt und an die eigenen Kontakte geschickt wird. Außerdem taucht es in der Google-Suche prominent auf, wenn jemand nach dem Namen des Verstorbenen sucht.

Entsetzte Politiker und Bürgerrechtler

Die ersten empörten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. "An Zynismus nicht zu übertreffen", schimpfte die Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak von den Linken. "Geschmacklos" und "grundrechtsverletzend" nannten es die Piraten. Jan Philipp Albrecht, Datenschutzexperte der Grünen im Europaparlament, teilte mit: "Die Angebote zielen darauf ab, auch die letzte Information über unser Privatleben auszuspähen und alle Lebensbereiche der Kontrolle durch Staat und Wirtschaft zu unterwerfen. Statt eines warmen Nestes erwartet die Menschen mit den neuen Produkten eine kalte Welt der Diskriminierung und Komplettüberwachung."

Die Bürgerrechtler der Digitalen Gesellschaft schrieben: "Das Google-Motto Don't be evil hat mit den neuen Diensten rund um Google Nest endgültig ausgedient. Das jämmerliche Schmierentheater des Unternehmens hat einen weiteren erschütternden Tiefpunkt erreicht." 

Vorführung der Produkte auf der re:publica

Von all dem scheinbar völlig unbeeindruckt betraten um 15 Uhr zwei Menschen die große Bühne der re:publica in Berlin. Sie stellten sich als Paul von Ribbeck und Gloria Spindle von Google vor und wiederholten, was in der Pressemitteilung stand.

Im Publikum waren lange Zeit sehr ernste Gesichter zu sehen. Bis die beiden anfingen, Google Hug vorzuführen. Der Mann, der dringend eine Umarmung brauchte und den Google Hug auch entsprechend identifizierte, war der Schauspieler Jan-Josef Liefers – der tatsächlich im Publikum saß und sich von einem ihm völlig Fremden umarmen ließ. Nach und nach merkte jeder, dass es sich um einen Hoax, eine Show handelte – auch wenn es auf Twitter noch eine ganze Weile unsichere Nachfragen gab.

Nach 20 Minuten baten die beiden angeblichen Google-Repräsentanten die Regie, alle Livestream-Kameras auszuschalten. "Willkommen zu unserem Open-Source-Hoax", sagte Paul von Ribbeck, der eigentlich Jean Peters heißt und wie seine Kollegin Faith Bosworth zum Peng! Collective gehört. Die Aktionskünstler hatten Ende 2013 schon einmal auf sich aufmerksam gemacht hatte, als sie eine Greenwashing-Kampagne von Shell sprengten.

Ihr heutiger Auftritt war halb Medienhack, halb Theaterstück. Open-Source-Hoax deshalb, weil das Kollektiv das Publikum einlud, das Theaterstück noch weiterzuspinnen und zu -spielen, in den sozialen Netzwerken.