Das Ding heißt noch immer überall Bloggerkonferenz, obwohl sie das nie sein wollte und auch schon lange nicht mehr ist. Der Name re:publica ist eine Abwandlung des lateinischen res publica, was so viel wie öffentliche Sache oder Gemeinwesen bedeutet. Die re:publica will sich damit beschäftigen, was das Internet mit der Gesellschaft macht und was die Gesellschaft mit dem Internet anstellen kann.

Mit dieser eher unscharf erscheinenden Idee ist sie zu einer einzigartigen und wichtigen Plattform für die Debatte geworden, wie wir alle mit der Digitalisierung umgehen und umgehen wollen. Die re:publica ist kein Bloggertreffen, keine Internetkonferenz, keine Nerdveranstaltung. Sie ist ein Gesprächsraum für die gesamte europäische Zivilgesellschaft. Dort werden Themen verhandelt, die jeden etwas angehen.

Überall in Europa wird über das Internet diskutiert. Es gibt Dutzende große Konferenzen, sie drehen sich um Computerspiele, um Mobilfunk, um Elektronik allgemein. Aber in ganz Europa gibt es nur zwei Veranstaltungen, die sich mit dem Internet und der Zivilgesellschaft beschäftigen. Es gibt nur zwei große Treffen, die nicht allein Wirtschaftsinteressen im Blick haben, sondern die von normalen Menschen für normale Menschen gemacht werden und sich die Frage stellen, wie Gesellschaft und Internet miteinander umgehen wollen: der Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs (CCC) und eben die re:publica.

Beide wurden von einigen wenigen Enthusiasten gegründet und wuchsen in den vergangenen Jahren weit über ihre ursprünglichen Szenen hinaus. Beide erreichen inzwischen ein europäisches, ja ein internationales Publikum. Beide leben trotz ihrer enormen Größe bis heute vor allem von der Arbeit unbezahlter Freiwilliger. Beide wollen immer auch ein Treffpunkt für Freunde und eine große Party sein. Und beide sind vor allem deshalb so sympathisch und haben eine so freundliche und offene Atmosphäre, weil es ihren Veranstaltern zum großen Teil um den Spaß geht und nicht vor allem um das Geld.

Kraut und Rüben ist die Stärke der re:publica

Der CCC-Kongress im Dezember richtet sich dabei an jene, die an Technik und speziell an Sicherheitstechnik interessiert sind. Im Vergleich dazu ist die re:publica im Mai "Kraut und Rüben", wie es einer der Redner nannte.

Gerade diese Mischung aus Kraut und Rüben aber ist die Stärke der Veranstaltung. Dort wird die gesellschaftliche Relevanz von Elternblogs genauso verhandelt, wie die politischen Inhalte von Computerspielen, wie sprachliche Grabenkämpfe in Onlineforen, psychologische Auswirkungen von Überwachung oder wie die Gesetzgebungsverfahren zum Urheberrecht und zur Netzneutralität. Es geht um Sex, um Big Data, um Medien, um Politik.

Das Programm ist inzwischen so umfangreich und so breit, dass es für den einzelnen Besucher unmöglich geworden ist, es komplett zu erfassen.

Es ist dabei in den vergangenen Jahren immer internationaler und immer professioneller geworden. Ein großer Teil der Vorträge wird inzwischen auf Englisch gehalten, oftmals von Wissenschaftlern und Experten auf ihrem Gebiet.

Doch die re:publica verträgt einen von digitaler Freiheit singenden David Hasselhoff genauso, wie einen im Hof herumstehenden Chefredakteur der Bild-Zeitung und einen Sascha Lobo mit rotem Irokesenschnitt, der vom Internetmaskottchen zum Mahner geworden ist und eindringlich dafür wirbt, dem netzpolitischen Aktivismus endlich Geld zu spenden, damit er was bewegen kann.