Die Freifunk-Initiative installiert Funkantennen in Berlin-Kreuzberg.

"Es war schon immer ein Riesenproblem, meiner Mutter zu erklären, was das alles soll", sagt Christian Heise über den Freifunk. In diesem kommt das Internet nämlich nicht aus der Steckdose, sondern aus der Luft. Es geht um freie Netze und freie Kommunikation, erklärt der Hamburger Medienwissenschaftler. Wenn WLANs wie beim Freifunk in sogenannten Meshes zusammengeschaltet sind, kontrolliert den Datenfluss nur die Community und kein Telekommunikationsanbieter.

Das Anliegen ist im Zeitalter der NSA-Enthüllungen aktueller denn je: In den drahtlosen Bürgernetzen, die es in Deutschland in fast jeder Großstadt gibt, herrscht keine Zensur und keine Überwachung. Kommerzielle Interessen von Providern und Netzbetreibern bleiben außen vor. Freifunk soll Demokratie, Teilhabe und Gemeinsinn fördern. In der Praxis liefern die freien Netze vor allem eins: einen kostenlosen Internet-Zugang.

"Internet ist unsere Killerapplikation, leider, aber auch zum Glück", sagt Heise. Der kostenlose Internetzugang, der von Freifunkern bereitgestellt wird, hat zur Verbreitung der Bürgernetze beigetragen. Im Osten Berlins etwa war Freifunk jahrelang die einzige praktikable Möglichkeit, schnellen Internetzugang zu bekommen. Heute gibt es natürlich auch in Friedrichshain DSL-Anschlüsse, und selbst die günstigsten Smartphones kommen über UMTS und LTE ins Netz.

Die Frage nach der Infrastruktur wird aus der Sicht der Nutzer immer unwichtiger – theoretisch kann man überall ins Internet gehen. Und wer einen Freifunk-Router betreibt, dem macht die sogenannte Störerhaftung das Leben schwer: Betreiber offener Netze müssen unter Umständen für die Aktivitäten ihrer Nutzer, etwa illegales Filesharing, haften. Was ist da noch der Mehrwert von Freifunk?

Es fehlen Anwendungen für die breite Masse

Da wären etwa Dienste, die nur im Freifunknetz erreichbar sind, beispielsweise Radiostreams, Chats, Telefonie- und Dateiserver. RadioBlau, ein freier Lokalsender aus Leipzig, stellt sein Archiv im Freifunk zur Verfügung – das ist billiger, als Gigabytes über Gigabytes von MP3s im Internet zu hosten. Schließlich ist Traffic im lokalen Freifunk-Netz kostenlos. Beim Lüneburger Stadtarchiv überlegt man aus ähnlichen Gründen, Archivmaterialen im Freifunk-Netz zu hosten.

Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit kann man heute Freifunk-Netze mit Tausenden Teilnehmern betreiben. Vor zehn Jahren waren die Freifunker noch froh, wenn ein Netz mit acht Routern stabil war. Der technische Fortschritt ging allerdings an konkreten Anwendungen vorbei, beklagt Christian Heise. "Die Community macht einen großartigen Job, jetzt sollten wir uns mehr Gedanken über die Anwendung machen."

Obwohl Freifunk-Netze manchmal als eine Art Gegen-Internet gehandelt werden, können sie mit dem Internet nicht konkurrieren, jedenfalls nicht in Deutschland. Fast alles, was es im Freifunk gibt, gibt es auch im Internet, sagt Monic Meisel, Mitbegründerin der Freifunk-Initiative. Kurz, es fehlen Dienste und Anwendungen für die breite Masse, um die Technik aus der Nische der Hacker und Bastler zu heben.