380 Tweets hat die Berliner Polizei seit Mitte März in die Welt geschickt, also gut fünf pro Tag. Am Sonnabend sollen nach Informationen des Tagesspiegels auf einen Schlag mindestens 3.000 hinzukommen. Das Präsidium will an diesem Tag jeden, wirklich jeden Funkwageneinsatz in 24 Stunden twittern, und zwar direkt aus der Einsatzleitstelle über den Kanal @polizeiberlin_E. "Verkehrsunfall Ernst-Reuter-Platz, mehrere Verletzte", so könnte ein Tweet lauten. Oder "Schlägerei in Gaststätte in Wedding".

"Das ist wie Polizeifunk abhören, nur legal", sagte ein Beamter im Präsidium. Der Hashtag zu der Aktion lautet #24hPolizei. "Ich möchte zeigen, wie viele Aufträge meine Mitarbeiter jeden Tag bearbeiten", sagte Polizeipräsident Klaus Kandt dem Tagesspiegel.

Am Dienstag will die Polizei das Projekt der Öffentlichkeit vorstellen. "Die Aktion ist ein Experiment", sagte Kandt. In Deutschland hat bislang keine Polizei Ähnliches versucht. Und nirgendwo gibt es so viele Einsätze. Im Jahr 2013 klingelte der Notruf "110" fast 1,4 Millionen Mal. Daraus wurden gut 700.000 Funkwagen-Einsätze. Und die Nacht von Freitag zu Sonnabend ist die stärkste Nacht der Woche – weil überall gefeiert wird, zudem ist Pfingsten. Wenn die Twitter-Beamten es schaffen, sollen zu möglichst vielen Einsatz-Tweets auch die späteren Ergebnisse gemeldet werden, also zum Beispiel "Unfallstelle geräumt, Ernst-Reuter-Platz wieder frei" oder "Kneipenschlägerei beendet, eine Person festgenommen."

Kein Hacker soll dazwischenfunken

Das Ganze ist auch als Werbeaktion für angehende Polizeibeamte gedacht. Die Polizei sucht Nachwuchs und setzt auf soziale Netzwerke. Mit Twitter könne man zeigen, wie "anspruchsvoll und abwechslungsreich die Arbeit im Streifenwagen ist", sagte Kandt. Berlin sucht gerade 420 neue Polizisten, die im Frühjahr 2015 die Ausbildung beginnen sollen. Am Freitagabend werde parallel mit #24hPolizei die telefonische Berufsinformation der Polizei eine Sonderschicht von 19 bis 21 Uhr einlegen, sagte Pressesprecher Stefan Redlich.

Das Twitter-Team werde für die Aktion auf neun Beamte aufgestockt, sagte die Twitter-Chefin der Polizei, Yvonne Tamborini. Technische Probleme sind gelöst: Die Polizei darf so viele Tweets absetzen, Twitter ist informiert. Bei solchen Mengen an Tweets geht das Unternehmen sonst von automatisch versendetem Spam aus und blockiert den Kanal. Twitter garantiert dem Hashtag #24hPolizei Spamfreiheit, kein Hacker soll der Polizei bei der Aktion dazwischenfunken.

Bleibt das Risiko, dass Neugierige erstmals legal den Polizeifunk mithören und möglicherweise an Einsatzorten auftauchen. Je heikler der Einsatz, desto ungenauer soll die Adresse getwittert werden. Häufig, das wissen die Beamten in der Leitstelle, stimmen die Erst-Alarmierungen nicht, aus einer Beleidigung wird plötzlich eine Messerattacke – oder umgekehrt. Die Beamten an den 110-Telefonen erleben den Rhythmus der Großstadt Berlin etwa so:  Ab 22 Uhr kommen Anzeigen wegen ruhestörendem Lärm, in der Nacht dann die alkoholbedingten Schlägereien, morgens die Anrufe, dass Autofahrer aus zugeparkten Einfahrten nicht herauskommen, danach die erste Unfallwelle im Berufsverkehr und am späten Nachmittag die Anrufe Berufstätiger, dass in ihre Wohnung eingebrochen wurde.

Gelungene Transparenz-Offensive

Per Twitter lässt sich das alles ab Freitag 19 Uhr live mitverfolgen. Den Twitter-Aktivitäten der Polizei dürfte das Experiment noch mehr Publikum bringen. Der bisher erfolgreichste Tweet stammt aus der vergangenen Woche: "Zwei Kinder sexuell missbraucht. Wir suchen den Tatverdächtigen mit Bildern." Es folgte ein Link zu den Fotos. Die Meldung wurde fast 900 Mal retweetet, etwa 500.000 Menschen seien so erreicht worden. Auch wenn der Täter in diesem Fall noch nicht gefasst wurde, die Polizei ist begeistert von der Resonanz.

Gerade in politisch heiklen Situationen scheint die Transparenz-Offensive zu funktionieren. Als etwa Ende April ein Flüchtling in der besetzten Kreuzberger Schule getötet wurde, twitterte die Polizei sofort: "Zur Klarstellung: Eine Räumung ö.ä. der Schule ist nicht vorgesehen." Anders als bei vorangegangenen Einsätzen liefen erstmals keine Menschenmengen zusammen, um die Polizei zu stören. In Vor-Twitter- Zeiten hatte die linke Szene mehrfach eine Räumung der Schule befürchtet und zur angeblichen Unterstützung mobilisiert. "Man scheint uns zu glauben", lautet die erste vorsichtige Bilanz im Präsidium.

Erschienen im Tagesspiegel