Jimmy Wales war nicht begeistert, aber amüsiert: Fans von Tim Howard, Torhüter der US-Fußballnationalmannschaft mit exzellenter WM-Statistik, hatten den Wikipedia-Eintrag über den Verteidigungsminister verändert und das Bild von Howard eingebaut.

Wikipedia-Gründer Wales schrieb auf Twitter: "Ich  bin kein Befürworter von Vandalismus in der Wikipedia, nur um einen Witz zu machen. Aber der hier ist exquisit."

Eine andere Art von Vandalismus ärgert Wales viel mehr: die Manipulation von Einträgen durch Politiker, deren Mitarbeiter oder durch andere interessengeleitete Menschen. Beispiele dafür gibt es genug, es gibt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag für Fälle aus dem US-Kongress.

Vor zwei Wochen hat ein Mann namens Tom Scott ein Twitterkonto eröffnet, das automatisiert alle Wikipedia-Änderungen meldet, die über eine IP-Adresse des britischen Parlaments vorgenommen wurden. @parliamentedits heißt der Account.

Das funktioniert immer dann, wenn jemand anonym einen Eintrag ändert, also ohne sich bei Wikipedia einzuloggen. In dem Fall wird die IP-Adresse, über die auf den Eintrag zugegriffen wird, registriert und angezeigt. @parliamentedits gleicht diese Adressen mit denen ab, die dem britischen Parlament zugeordnet sind. Welche das sind, hat Tom Scott über eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz herausgefunden.

Der Account hat schnell Nachahmer gefunden. Für die USA gibt es @congressedits, wo Änderungen verfolgt werden, die aus dem Adressbereich des Kongresses stammen. Welcher Bereich das ist, zeigt die American Registry for Internet Numbers (Arin). Dort kann man IP-Adressbereiche nach Organisationen sortiert finden.

Nach der Politik sind nun Unternehmen dran

Die Twitterkonten @euroedit, @bundesedit und @landesedit wiederum melden Änderungen, die aus den Adressbereichen des Europäischen Parlaments und anderen EU-Institutionen beziehungsweise aus dem Bundestag oder den Landesparlamenten kommen.

Brisantes haben die deutschen Versionen der automatischen Wächter bisher nicht feststellten können. @landesedit hat noch gar nichts getwittert, @bundesedit hat vor allem die Korrektur von Rechtschreibfehlern in der Wikipedia aus dem Bundestagsnetz heraus protokolliert.

Aber nicht nur Politiker könnten auf die Idee kommen, mit der Wikipedia Politik zu betreiben. Auch Unternehmen können versuchen, zum Beispiel die Einträge über sich selbst zu schönen. Und deshalb gibt es jetzt @phrmaedits: der Twitteraccount prüft, ob Mitglieder des US-Pharma-Verbands PhRMA versuchen, anonym etwas in der Wikipedia zu manipulieren. Auch hier stammen die IP-Adressen offenbar aus einer Arin-Abfrage.

Es gibt eine Studie der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung, in der Autor Marvin Oppong der Pharmabranche unterstellt, besonders aktiv bei der Manipulation der Online-Enzyklopädie zu sein. Genauso gut hätte der erste Aufpasser-Account für die Privatwirtschaft aber auch eine andere Branche betreffen können.