Protest in Ferguson, Missouri © Joshua Lott/Getty Images

Die Erschießung des schwarzen Teenagers Michael Brown durch einen Polizisten in Ferguson hat heftige Proteste ausgelöst, die unterschiedlich schnell in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook abgebildet wurden. Professionelle Beobachter äußerten schon kurz nach den ersten Konfrontationen zwischen Bürgern und Polizei erste Zweifel über die Verlässlichkeit der Social Networks in Krisensituationen. Zeynep Tufekci etwa, Techniksoziologin an der University of North Carolina, die sich schon mit der Rolle von Facebook im Arabischen Frühling oder bei den Protesten im Istanbuler Gezi-Park befasst hat, notierte ihre Beobachtungen darüber, wie die Sortieralgorithmen von Twitter und Facebook mit dem Thema umgegangen sind. Während Ferguson recht schnell auf den Trendlisten von Twitter aufgetaucht sei, habe es viel länger gedauert, bis das Thema die Relevanzschwellen der Systeme von Facebook übersprungen habe, schreibt sie. Dies wiederum zeige die Macht von Facebook, Themen zu befördern oder zu unterdrücken.

Tufekci war nicht die einzige Beobachterin, der dieser Unterschied in der Reaktionszeit aufgefallen ist. Auf dem US-Technologieportal TechCrunch sammelte die Journalistin Sarah Perez ähnliche Stimmen. Perez wies auf einen wichtigen Aspekt hin: Facebook und Twitter personalisieren die Informationen, die sie ihren Nutzern zeigen. Dabei spielen Aspekte wie der Standort des Nutzers und seine bisherigen Interaktionen mit dem System etwa durch Likes oder Retweets eine Rolle. Jeder Nutzer bekommt zu jedem Zeitpunkt eine für ihn automatisch zurechtgemachte Zusammenstellung des Datenbestands zu sehen. Die Datenströme der verschiedenen Nutzer sind daher nicht zu jedem Zeitpunkt zuverlässig miteinander in Deckung zu bringen. Es gibt im sozialen Netz nicht nur ein Ferguson, sondern ein Ferguson pro Nutzer.

Die unterschiedlichen Reaktionszeiten von Twitter und Facebook können zudem darauf zurückgeführt werden, dass die beiden Plattformen unterschiedlich groß sind, verschiedene Nutzergruppen ansprechen und zu verschiedenen Zwecken verwendet werden. Twitter etwa ist auf schnelle mobile Nutzung optimiert und wird deshalb von Nachrichtenprofis besonders geschätzt – nicht nur zum Lesen von Nachrichten, sondern auch zum Verbreiten. Auf Facebook wiederum verbreiten manche Medien lieber unpolitische Artikel.

Wenn es darum geht, Konflikte im sozialen Netz nachzuverfolgen, liegt der Manipulationsverdacht stets in bequemer Reichweite. So hat Facebook mit seiner Studie zur Weiterverbreitung emotionaler Einstellungen, in deren Rahmen die Nachrichtenströme von Mitgliedern ohne deren Einverständnis leicht verändert wurden, nicht unbedingt das Vertrauen aufgeklärter Nutzer in das Unternehmen gestärkt. Klar ist aber auch, dass Twitter und Facebook ohne die Algorithmen, die im Hintergrund automatisch die Nachrichtenflut ordnen, schlichtweg nicht benutzbar wären.

Das Problem besteht nicht darin, dass sie Nachrichten algorithmisch ordnen, sondern dass die Nutzer, genau wie in Facebooks berüchtigter Emotionsstudie, nicht erfahren, wie diese Ordnung hergestellt wird. Bereits bei den Rohdaten, also den ungefiltert in die Datenbank strömenden Texten und Fotos, handelt es sich um mediale Samples der Realität, um Abstraktionen. Aber die Nutzer bekommen am Ende nur eine Interpretation dieser Abstraktionen zu sehen.

Für Menschen, die Facebook und Twitter in erster Linie für Freizeitspaß, Chats und Erholung nutzen, mögen diese Aspekte kein Problem darstellen. Aber Journalisten, Wissenschaftler und andere Akteure, die ernsthaft daran interessiert sind, sich zu aktuellen Themen einen Überblick zu verschaffen, stellt die Geschlossenheit der großen Anbieter vor Probleme. Nachrichten, die glaubwürdig sein wollen, müssen nachvollziehbar sein. Die Daten, die ein System wie Twitter seinen Nutzern zurückgibt, sind aber mager. Im Grunde weiß auch ein geübter User nicht einmal bei einem "verifizierten" Prominenten-Account, ob die jeweilige Person selbst die Nachrichten schreibt, oder ob sie ihr Profil von einem PR-Praktikanten beschicken lässt.

Selbst einer Wissenschaftlerin wie Zeynep Tufekci kann jeder Kenner entgegenhalten, dass ihre Beobachtungen ja nur ihren individuellen Nachrichtenstrom betreffen, ihre Anekdote also keine Aussagekraft besitzt. Gewissermaßen drehen Twitter und Facebook für Journalisten die alte Idee des "Daily Me", der auf jeden einzelnen Leser zugeschnittenen "Zeitung" des MIT-Vordenkers Nicholas Negroponte in ihr Gegenteil um. Statt perfekter zeitsparender Ordnung wird Unübersichtlichkeit generiert, die zu Unsicherheit führt.

Opake Ordnungsalgorithmen

In einer Zeit, in der Leser an den Journalismus zunehmend Anforderungen wie an die Wissenschaft stellen, ist das ein unhaltbarer Zustand. Journalisten, die über ihr Themenfeld auf dem Laufenden gehalten werden wollen, sind heute auf Twitter nicht weniger angewiesen als auf ihre Nachrichtenagenturen. Auf die Art, wie Twitter seine Kurznachrichten ordnet, haben sie aber nur begrenzten Einfluss, sie können sich ausloggen oder einige wenige Einstellungen in ihren Profilen verändern. Beispielsweise kann man manuell seinen Standort auf "weltweit" ändern und damit die Anzeige der "Trending Topics" beeinflussen. In der Timeline werden aber nicht immer alle Kurznachrichten sämtlicher Accounts angezeigt, die man abonniert hat.

Der Unterschied zwischen einer selbstdefinierten Suchfunktion und den opaken Ordnungsalgorithmen der aktuellen Social Networks nimmt sich aus, wie der zwischen einer Servolenkung und einem selbstfahrenden Google-Auto. Die Systeme von Facebook und Twitter unterstützen den User nicht einfach nur, sie geben ihm einfach erst gar keine Kontrolle. Jeder Eingriff durch den Nutzer, so die Ideologie dahinter, wäre kontraproduktiv.