Am 5. Dezember des vergangenen Jahres feierte der US-Geheimdienst NRO (National Reconnaissance Office) den erfolgreichen Start einer Atlas-V-Rakete von einem Luftwaffenstützpunkt in Kalifornien. An Bord befand sich neben zwölf gewöhnlichen Minisatelliten für die Weltraumforschung auch "eine geheime Ladung". So drückte es das Office of National Intelligence (Odni) aus, das den Start stolz via Twitter ankündigte.

Die seltsame Mischung aus Öffentlichkeitsarbeit und Geheimniskrämerei war dabei gar nicht so bemerkenswert. Das NRO ist zuständig für die Satellitenaufklärung der Vereinigten Staaten. Die "geheime Ladung" war also ein Spionagesatellit. Doch das Logo der Mission stiftete Verwirrung, gut sichtbar prangte es auf der Rakete. Es zeigt einen riesigen Kraken, der den Erdball umschlingt und reichlich finster dreinblickt. "Nothing is beyond our reach", steht darunter – nichts liegt jenseits unserer Reichweite. Der Name der Mission: NROL-39. 

Das Logo sieht aus, "als sei es von einem Zeichner der Simpsons entworfen worden", schrieb die Journalistin Kashmir Hill von Forbes damals. Selbst der TV-Satiriker John Stewart machte sich in seiner Daily Show über das Logo lustig. Doch wie um Himmels Willen kommt der Geheimdienst auf die Idee, seine Arbeit mit einem gigantischen, Tentakel schwingenden Oktopus zu illustrieren, während die US-Regierung sich von aller Welt vorwerfen lassen muss, alles und jeden zu überwachen?

Runa Sandvik hat es herausgefunden.

Die Norwegerin ist eine anerkannte Sicherheitsforscherin, hat für das Tor-Projekt gearbeitet und ist heute unter anderem als technische Beraterin der Stiftung Freedom of the Press tätig. Im Januar reichte sie über die Seite muckrock.com beim NRO eine Anfrage nach dem amerikanischen Informationsfreiheitsgesetz ein, mit der Bitte, ihr alle Unterlagen zukommen zu lassen, die über die Entstehung des Krakelogos Auskunft geben. MuckRock ist ein Dienst, der sich auf solche Anfragen spezialisiert hat, grob vergleichbar mit FragdenStaat.de in Deutschland. Sandvik ist eine regelmäßige Nutzerin, sie hat dort bisher 186 Anfragen eingereicht. Das koste sie meist nur ein paar Minuten, sagt sie.

Sechsmal musste sie in diesem Fall allerdings nachhaken, im Juni allerdings bekam sie dann tatsächlich eine Reihe von Dokumenten zugeschickt. Die wurden auf MuckRock veröffentlicht, wie Sandvik diese Woche über Twitter mitteilte. Es sind insgesamt 15 Seiten, allesamt einst als geheim eingestuft und zum Teil heftig geschwärzt. Dennoch erklären sie weitgehend genau, wie das Logo entstand, und sie gestatten damit einen kleinen Einblick in die Denkweise der US-Geheimdienste.

Die Idee für das Krakemotiv stammt demnach von einem NRO-Ingenieur. Der arbeitete in einem Team, das eines Tages auf ein Problem in einer Vakuumkammer stieß, in der etwa technisches Gerät für den All-Einsatz geprüft wird. Die Lösung fand sich in einem Kabelstück, das für den Test von Weltraumfahrzeugen verwendet und Octopus Harness genannt wird. "Wir witzelten damals herum, der Octopus Harness habe die Weltherrschaft übernommen", heißt es im Transkript einer vermutlich internen Präsentation. Aus dem Witz wurde eine Skizze, aus der Skizze ein ernst gemeinter Entwurf.

Offiziell soll der Oktopus symbolisch für die Fähigkeit stehen, Probleme überwinden und aus jeder Situation einen Ausweg finden zu können. Dafür sei das Tier bekannt, befanden die NRO-Mitarbeiter, zudem gelte das Tier unter Seefahrern als besonders intelligent. 

"Wir haben unsere Finger überall, zu jeder Zeit"

Auch die nach dem Globus greifenden Tentakel würden gut passen. Sie sollen zeigen, dass sich die Feinde der USA in Zukunft nirgendwo mehr verstecken können. Oder wie der Manager der Mission in einem für den internen Gebrauch vorgesehenen Artikel zitiert wird: "Der Oktopus steht für die Idee. […] Wir haben unsere Finger überall, zu jeder Zeit."

So weit scheint das NRO noch nicht zu sein. Grammatik und Wortwahl in mehreren Dokumenten deuten an, dass erst noch weitere Spionagesatelliten im Orbit nötig wären, ehe die Reichweite des NRO wirklich grenzenlos ist. Details dazu sind geschwärzt.

Der Oktopus-Logo-Entwurf musste anschließend mehrfach überarbeitet werden, bis er im Februar 2012 – also lange etwa vor den Snowden-Enthüllungen – vom Büro des NRO-Direktors abgesegnet wurde. So war in einem früheren Emblem ein Verweis auf ein anderes, geheimes NRO-Programm zu sehen, der musste "wegen Sicherheitsbedenken entfernt" werden. Auch ob Bild oder Text eine versteckte Botschaft enthalten, musste erst überprüft werden.

Fangarm auf Russland

Ob sie nun einen geheimen politischen Seitenhieb enthalten, ist Spekulation. Sind die Fangarme des Kraken zufällig auf dem Globus verteilt, wie das NRO versichert? Denn ganz zufällig liegt der größte Tentakel ausgerechnet auf Russland und China.

Ganze sieben Abteilungen mussten Logo und Motto letztlich genehmigen, zuletzt das Direktorat des Geheimdienstes. Unter der letzten Unterschrift steht noch eine handschriftliche Bemerkung: "A little sinister!!" – ein bisschen düster.