Eine "Anti-Zensur-Box" sollte es sein. Ein Router, der, eingestöpselt in das heimische Netzwerk, den Internetverkehr über das Tor-Netzwerk leitet und somit anonymes Surfen ohne technische Vorkenntnisse ermöglicht. Das versprach der Entwickler der Anonabox auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter und traf damit den Nerv vieler Menschen.

7.500 US-Dollar sollte das Projekt einnehmen, am Ende waren es knapp 600.000 und ein Crowdfunding-Skandal mehr: Reddit-Nutzer fanden heraus, dass der angeblich in vier Jahren selbst entwickelte Prototyp auf billiger chinesischer Hardware basierte. Zudem entdeckten sie schwere Sicherheitslücken in der Software-Implementierung. Nachdem die ersten Unterstützer ihre Spende zurückzogen, reagierte Kickstarter und beendete die Kampagne vorzeitig. Der Entwickler der Anonabox entschuldigte sich. Er sei von dem Erfolg überrannt worden und das Gerät zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fertig.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Crowdfunding-Projekt mit falschen Versprechen nach Unterstützern und Geld angelt. In den vergangenen Monaten tauchten Dutzende Kampagnen auf den beiden führenden Plattformen Kickstarter und Indiegogo auf, deren Produkte falsch angepriesen, bei genauerem Hinblick unglaubwürdig und in einigen Fällen sogar frei erfunden waren.

Dennoch sammelten sie Hunderttausende Dollar und etablierten unfreiwillig einen neuen Begriff in der Crowdfunding-Szene: Scampaign, eine Mischung aus Scam, einer dubiosen und oft betrügerischen Masche, und einer Kampagne.

Von Kalorienzählern und farbenschnüffelnden Stiften

Scampaign ist dabei nicht gleich Scampaign. Nicht hinter allen irreführenden Kampagnen steckt eine betrügerische Absicht. Dass ein Gerät wie die Anonabox funktionieren könnte, ist unbestritten. Schließlich ist es möglich, auf günstige Art und Weise einen eigenen Tor-Router zu basteln. Gut möglich, dass der Erfinder tatsächlich nur etwas Kleingeld für die Entwicklung sammeln und nicht mit 600.000 Dollar abhauen wollte. Dennoch täuschte er mit falschen Informationen die Unterstützer, von denen sich viele hereingelegt fühlten.

Ähnlich erging es den Unterstützern der Smartwatch Kreyos Meteor. Nach dem Kickstarter-Siegeszug der Smartwatch Pebble vor zwei Jahren nahmen die Kreyos-Entwickler im vergangenen Sommer 1,5 Millionen US-Dollar per Crowdfunding ein. Die Meteor sollte die erste Armbanduhr sein, die sowohl mit Gesten- als auch Sprachsteuerung funktioniert.

Doch als die fertige Uhr mit sechs Monaten Verspätung ausgeliefert wurde, hatte sie wenig mit dem versprochenen Produkt gemeinsam. Die Gestensteuerung fehlt komplett, das Gerät ist nicht wasserdicht und auch sonst für wenig zu gebrauchen. Dass die Initiatoren zwischenzeitlich die Konditionen für eine Rückerstattung änderten, sodass Unterstützer ihren Beitrag nicht vor der Auslieferung zurückziehen konnten, brachte Kreyos nachträglich den Status einer Scampaign ein.

Healbe: Briefkastenfirmen und Patent-Wirrwarr

Immerhin bekamen die Kreyos-Unterstützer überhaupt etwas für ihr Geld, auch wenn es wenig mehr als Elektroschrott ist. Andere Kampagnen basieren auf Technik, die Experten zufolge vermutlich gar nicht funktionieren kann.

Im Frühjahr machte der Fall des smarten Armbands GoBe die Runde. Deren Entwickler Healbe verspricht ein Gerät, das neben dem Puls und Aktivitäten auch die tägliche Kalorienzunahme über die Haut der Nutzer misst und daraus unter anderem Aussagen über den Blutzuckerspiegel ableitet. Über eine Million US-Dollar nahm Healbe auf Indiegogo ein und sorgte für viel Aufsehen. Denn selbst wenn Healbe schreibt, dass das Armband nicht für Diabetiker geeignet ist, um ihren Blutzucker zu messen, wäre die Technik ein Durchbruch unter den Fitness-Trackern. Man sollte meinen, die Konzerne stünden Schlange, um die Technik zu patentieren.

Wie die US-Website Pando Daily über Wochen hinweg dokumentierte, spricht in Wahrheit einiges dagegen. Nicht nur bezweifeln Mediziner die Technik hinter GoBe, die Kampagne selbst offenbart viele Ungereimtheiten. Es geht um seltsame Patentanmeldungen in Russland, um Briefkastenfirmen in den USA, um gewiefte PR-Agenturen und Prototypen, die offenbar schnell zusammengeschustert wurden. Ursprünglich sollte GoBe im Juli verfügbar sein, mittlerweile wurde die Auslieferung auf Dezember verschoben. Einzig ein funktionierendes Gerät hat bis heute noch niemand außerhalb von Healbe gesehen.

Betrug oder Durchbruch? So soll das smarte Armband GoBe aussehen. © ZEIT ONLINE

Die Liste lässt sich fortsetzen. Da wäre das Armband Ritot, das die Uhrzeit auf den Handrücken der Nutzer projiziert: Einen Prototypen gibt es nicht und die Macher starteten die Kampagne unter falschen Namen aus der Ukraine heraus. Oder der Scribble Pen, ein digitaler Stift, der jede Farbe in der Umgebung erkennt und anschließend in dieser Farbe schreibt. Wie genau das funktionieren soll, wissen die Entwickler offenbar selbst nicht. Oder iFind, ein kleines Bluetooth-Gadget, das seine Position mitteilt und dabei ohne Batterie auskommen soll. Viele bezweifeln, dass es funktioniert wie angekündigt. Der mutmaßlicher Erfinder ist derweil nach eigenen Angaben online nicht präsent, weil seine Identität einst gestohlen wurde. Das macht die Kampagne, die 546.000 US-Dollar zusammenbekommen hat, nicht glaubwürdiger.

Die Hoffnung in neue Technik überwiegt die Skepsis

Im Fall der Anonabox, von Scribble und iFind wurden die Kampagnen vonseiten der Crowdfunding-Plattformen beendet, da der Verdacht bestand, dass die Unterstützer gezielt getäuscht wurden. GoBe und Ritot sind weiterhin online. Wie Indiegogo in einer Stellungnahme schreibt, sei es möglich, dass am Ende doch ein funktionierendes Produkt dabei herausspringt. Indiegogo sei eine "Plattform ohne Wertung und Gatekeeper", heißt es weiter.

James Robinson von Pando Daily kritisiert diese laxe Einstellung, denn am Ende werden die Unterstützer übers Ohr gehauen, während die Plattformen in jedem Fall profitieren: 60.000 US-Dollar verdiente Indiegogo etwa an der Kampagne der Smartwatch Kreyos.

Gadgets boomen auf den Crowdfunding-Plattformen

In jedem Fall sind aber nicht nur die Plattformen in der Pflicht, sondern auch die Nutzer. Der Aufstieg des Crowdfundings in den vergangenen Jahren hat ihren Techno-Optimismus gefördert, ihr gesundes Misstrauen dagegen immer mal wieder ausgeschaltet. Zu verlockend ist das neue Finanzierungsmodell offenbar: Aus Hobby-Erfindern werden erfolgreiche Unternehmer, Spieleentwickler können endlich jenseits der großen Studios ihren Ideen nachgehen und Filmemacher benötigen keinen Vertrieb mehr. Es heißt, die Demokratisierung des Kapitals bringe frischen Wind in die Technik- und Unterhaltungsbranche. Da jeder Unterstützer in gewisser Weise ein Teil des fertigen Produkts ist, findet ein bis dato ungeahnter Dialog zwischen Hersteller und Käufer statt. 

In kaum eine Crowdfunding-Kategorie investieren die Menschen dabei so viel wie in Gadgets. Was mit MP3-Playern und Handys begann, findet seinen Weg nun in die Armbanduhren, in Brillen, in Headsets, in smarte Schlüsselanhänger, vernetzte Haushaltsgeräte oder Kühlboxen. Ende August erreichte der Coolest Cooler mit USB-Anschluss die neue Rekordmarke von 13,2 Millionen US-Dollar auf Kickstarter.

In den meisten Fällen geht es nicht um die Frage, ob man das braucht, sondern darum, dass die Gadget-Kultur Lösungen für die alltäglichen Probleme verspricht. Oder zumindest etwas Erleichterung. Die Möglichkeit, als early adopter dabei zu sein, ist attraktiv für die Fans des Crowdfundings.

Die Kehrseite des Techno-Optimismus

Produkte, die auf halbgaren oder dubiosen Versprechen fundieren, wird es auf Kickstarter und Indiegogo in Zukunft häufiger geben.  Ebenso wie die tausendfache Unterstützung und die Enttäuschung, die unweigerlich mit der Auslieferung (oder Nicht-Auslieferung) der Produkte einhergeht. Es ist die Kehrseite des Technik- und Crowdfunding-Optimismus: Wo viele Ideen geschmiedet werden, gibt es viel Verschnitt – und einige Betrüger, die auf das schnelle Geld aus sind.

Dass der Glauben in neue Technik allerdings auch erfolgreiche Phänomene hervorbringen kann, zeigt in diesen Tagen der Fertigdrink Soylent. Dessen Erfinder behauptet, dass man mit dem Pulver feste Nahrung komplett ersetzen könne. Das klingt zunächst wie das nächste  Kapitel aus dem Scampaigning-Handbuch. Doch es scheint tatsächlich zu funktionieren.