Screenshot von kinox.to © Screenshot/ZEIT ONLINE

Vergangene Woche hatten Ermittler die mutmaßlichen Betreiber der Streamingplattform kinox.to aufgespürt. Im Raum Düsseldorf nahmen sie zwei Verdächtige fest. In Lübeck durchsuchten sie das Wohnhaus von zwei weiteren Hauptbeschuldigten. Die beiden Brüder im Alter von 25 und 21 Jahren hatten sich allerdings offenbar schon im Sommer ins Ausland abgesetzt und sind nun auf der Flucht.

Kinox.to gilt als Nachfolger von kino.to. Dessen Betreiber wurde 2011 festgenommen und ein Jahr später zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Wie ehemals auf kino.to finden die Nutzer auf kinox.to Links zu Tausenden Filmen und Serienepisoden. Die Links wiederum führen auf sogenannte Filehoster, von wo aus sie meist direkt im Browser gestreamt werden können. Da es sich um urheberrechtliche geschützte Inhalte handelt, ist die Verbreitung illegal. Die Staatsanwaltschaft Dresden spricht von "Verdacht auf gewerbsmäßig begangene Urheberrechtsverletzungen, Steuerhinterziehung, Erpressung und Brandstiftung".

Trotz der Vorwürfe, trotz Razzia und Haftbefehl ist kinox.to zum jetzigen Zeitpunkt ebenso wie die meisten Inhalte weiterhin online. Den Ermittlern fehlen die Zugangsdaten der Server, um die Seite vom Netz zu nehmen. Die Betreiber geben derweil an, für den Fall der Fälle bereits "30 Ersatz Domains" registriert zu haben. Einen hämischen Gruß an die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) gibt es obendrein: "Danke für die unbezahlbare Werbung!" heißt es auf der Startseite.

Die Selbstsicherheit der Betreiber hat Gründe. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Behörden einen Kampf gegen Windmühlen führen. Denn nicht nur ziehen sich die Ermittlungsverfahren oft über Jahre hin, während neue Seiten meist binnen weniger Wochen auftauchen. Das Internet bietet den Betreibern genug Möglichkeiten, ihre Identität zu verschleiern und ein lukratives Geschäftsmodell aufzubauen. "Es ist ein illegaler Wirtschaftszweig mit Unterhaltung im Internet entstanden, der die technischen Möglichkeiten und Regularien geschickt ausnutzt", sagt die GVU-Sprecherin Christine Ehlers im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Verbindungen zur organisierten Kriminalität

Das fängt bereits bei der Registrierung der Domains an. Kinox.to hat die Länderkennung des Inselstaats Tonga. Dessen Zulassungsbehörde Tonic gilt als besonders diskret. In den Whois-Informationen, in denen eigentlich die Kontaktdaten der Besitzer stehen sollten, finden sich keine Hinweise. Andere Domains, etwa MyGully.com, nutzen Anonymisierungsdienste mit Sitz in Ländern wie Panama, die ihre eigenen Whois-Daten eintragen und Anfragen nach den tatsächlichen Registranten abblocken. Dank nationaler Gesetze und mangelnder internationaler Absprachen ist es heutzutage möglich, eine Domain nahezu komplett anonym zu registrieren.

Ähnlich sieht es bei den Servern aus, auf denen die Websites liegen. "Es gibt Datenzentren auf der Welt, in denen auffällig viele illegale Angebote gehostet werden", sagt Ehlers. Im Fall von kinox.to führt die Spur zu einem Serveranbieter namens Akrino. Der ist zwar auf den British Virgin Islands registriert, doch es gibt Hinweise, dass er zum Russian Business Network gehört. Diesem wiederum werden Kontakte zur organisierten Cyberkriminalität nachgesagt. Über Proxy-, Bouncer- (BNC) und Cloud-Dienste wird zusätzlich der Standort der Server verschleiert.

Ohne die Informationen über Domain-Besitzer und Serverbetreiber ist es schwierig, überhaupt ein erfolgreiches Verfahren einzuleiten. Bereits 2011 gab es Indizien auf die Verstrickungen der aktuell Flüchtigen. Im Januar 2013 wurden schon einmal Wohnräume durchsucht und Festplatten beschlagnahmt. Doch erst jetzt, fast vier Jahre nach den ersten Hinweisen, haben die Ermittler genügend Beweismaterial zusammen – eine halbe Ewigkeit im Internet.

Portale und Filehoster arbeiten zusammen

Die Betreiber der Server und Portale verweisen gerne auf ihre Rolle als harmlose Linksammler, die selbst keine Inhalte zur Verfügung stellen. Doch es gibt Hinweise, dass dahinter ein komplexeres System steht, das sich gegenseitig befeuert und äußerst lukrativ ist. Auf der einen Seite stehen die Portale, die auf die entsprechenden Inhalte verweisen. Auf der anderen Seite stehen die Speicherdienste, die durch gut vernetzte Uploader mit Filmen, Serien und Games gefüllt werden.

Die Ermittler im Fall von kinox.to glauben, dass nicht nur weitere Plattformen wie MyGully oder Movie4k, sondern auch Speicherdienste wie Bitshare oder shared.sx den gleichen Betreibern gehören. Deshalb verlinken die Portale vor allem auf diese Speicherdienste. Hinweise auf eine enge Verbindung zwischen mehreren Diensten gibt es in der Filesharing-Szene schon länger. Es ist ein ebenso engmaschiges wie undurchsichtiges Netz aus Filehostern und Zahlungsabwicklern, aus sich gegenseitig verlinkenden Toplisten und Foren, die den illegalen deutschen Streaming-Markt dominieren.

Die Klüngelei hätte zur Folge, dass die Betreiber von kinox.to nicht nur durch Werbung auf der Seite, sondern eben auch durch die Uploads verdienen. Denn wer mit maximaler Geschwindigkeit streamen oder uneingeschränkt uploaden möchte, benötigt einen Premium-Account, der etwa zehn Euro im Monat kostet. Da die aktivsten Uploader vermutlich zusätzlich belohnt werden, etwa mit einem festgelegten Betrag pro 1.000 Downloads oder Streams, schaffen die Betreiber ihr eigenes Belohnungs- und Geschäftsmodell.