Technik, die allgegenwärtig ist, die die greifbare Umgebung des Menschen mit Daten und Bildern anreichert und von den Menschen dennoch kaum wahrgenommen wird – daran arbeiten viele Technologiekonzerne in Kalifornien. Doch auch fernab des Silicon Valley, an der für Technik-Cluster nicht gerade bekannten Küste Floridas, wird an der Verschmelzung von Kohlenstoffwelt und Virtual beziehungsweise Augmented Reality gearbeitet. Dort, in einem Vorort der Jacht-Stadt Fort Lauderdale, ist Magic Leap zu Hause, ein Start-up, das bis vor wenigen Tagen kaum jemand kannte. Am Dienstag verkündete die sonst sehr verschwiegene Firma per Pressemitteilung, dass sie 542 Millionen Dollar Kapital von einer Investorengruppe bekommt, die von Google angeführt wird. Wofür genau, ist unklar. Nur bahnbrechend soll es sein.

Mehr als eine halbe Milliarde Dollar, das ist selbst in diesen Zeiten der gigantischen Bewertungen und Kapitalrunden für Start-ups eine exorbitante Summe. Das Unternehmen mit gut hundert Mitarbeitern und null Produkten hat damit einen der größten Wagniskapital-Deals der Geschichte abgeschlossen.

Für das Geld konnte Google sogar einen Sitz für Android- und Chrome-Chef Sundar Pichai im Verwaltungsrat von Magic Leap erwerben. Das zeigt, wie ernst das Thema bei Google genommen wird. Um sein Geschäft zu vergrößern, ist Google, genauso wie Facebook und andere, laufend auf der Suche nach neuen Betriebssystemen und Schnittstellen, mit denen Menschen Computer aller Art bedienen können.

Zu Magic Leaps neuen Investoren gehören auch der Chipkonzern Qualcomm und das Medienunternehmen Legendary Entertainment (Godzilla, The Dark Knight). Auch mehrere Wagniskapitalunternehmen von bekannten Gründern hoffen mit Magic Leap das große Geschäft machen zu können, darunter Andreessen Horowitz von Netscape-Erfinder Marc Andreessen, die Investmentfirma Vulcan von Microsoft-Mitgründer Paul Allen und Obvious Ventures von Twitter-Mitgründer Evan Williams.

Irgendwas mit Augmented und Virtual Reality

Mit der Bekanntgabe am Dienstag hat Magic Leap den Sprung in die Öffentlichkeit gewagt. Woran das im Jahr 2011 gegründete Unternehmen konkret arbeitet, bleibt aber weiterhin ein Geheimnis. Gründer Rony Abovitz hat in seinen seltenen Interviews nur vage Angaben gemacht. Demnach entwickelt Magic Leap ein tragbares Gerät, mit dem Nutzer virtuelle 3-D-Objekte als Elemente der realen Umgebung wahrnehmen. Ermöglicht wird die Verschmelzung von Realität, erweiterter und virtueller Realität durch eine von Magic Leap entwickelte Technologie, die Bilder direkt ins Auge projiziert und dem Gehirn vorgaukelt, diese seien Teil der physischen Welt.

Wie die von der Technologie vermittelte Welt heißen werde, wisse er nicht, sagte Legendary-Entertainment-Chef Thomas Tull dem US-Magazin Fast Company: "Aber sie erweitert die Welt und transportiert einen auf eine total realistische Art dorthin, ohne dabei die Augen oder das Gehirn zu strapazieren." Bei den meisten 3-D-Technologien müssen unkomfortable Brillen getragen werden, die Übelkeit und Kopfschmerzen verursachen können, vor allem, wenn man einen Film nicht aus dem richtigen Winkel sieht.

Einen kleinen Vorgeschmack bietet ein Video auf Magic Leaps Webseite. Zu sehen sind gefaltete Hände aus der Perspektive eines Kindes, im Hintergrund eine Blumenwiese. Das Kind öffnet seine Hände und ein trompetender, täuschend echt aussehender Mini-Elefant erscheint. Er stellt sich auf die Hinterbeine, dann schwebt er strampelnd in die Höhe.

Spekulationen über die Hardware

Wie das Gerät aussehen soll, das solche optischen Täuschungen ermöglicht, ist nicht bekannt. Aber laut Abovitz hat es wenig gemeinsam mit klobigen Virtual-Reality-Brillen, wie sie etwa von der Facebook-Tochter Oculus VR entwickelt werden. Zudem liefere ihre 3-D-Technologie realistischere Umgebungen als derzeit verfügbare Angebote. Ziel sei eine kaum wahrnehmbare Benutzerschnittstelle, die ohne Handy-, Tablet- und Computerbildschirme auskomme und auch außerhalb des Hauses genutzt werden könne, sagt Abovitz. Sie soll den "Rechteck-Fetischismus" beenden, heißt es im Bericht von Fast Company, also die Fixierung auf rechteckige Bildschirme.