Screenshot von Ubuntu 14.10 alias "Utopic Unicorn", der neuesten Version von Ubuntu © Screenshot / golem.de

Richard Stallman, Ikone der Free-Software-Bewegung, ging sogar so weit, Ubuntu 12.04 als "Spyware", also als Schnüffelsoftware zu bezeichnen. Selbst die etwas zurückhaltendere Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) bat Canonical, die Amazon Lens genannte Funktion standardmäßig zu deaktivieren und veröffentlichte mehrere Anleitungen für Nutzer, die ihr Ubuntu sicherer machen wollten. Aber zwei Jahre lang weigerte sich Canonical, von der Amazon Lens abzuweichen, auch wenn es zwischenzeitlich immerhin dafür gesorgt hat, dass die Antworten von Amazon auf Suchanfragen über HTTPS übertragen werden und damit wenigstens ein wenig sicherer vor Schnüfflern sind.

Aber nicht nur die Amazon-Kontroverse an sich hat viele verärgert, sondern auch die Antwort von Canonical und vor allem von Mark Shuttleworth auf die Kritiker. Er verteidigte das Suchwerkzeug und schrieb: "Wir sagen Amazon nicht, was ihr sucht. Eure Anonymität ist sichergestellt, denn wir regeln die Suchanfrage für euch. Ihr vertraut uns nicht? Äh, wir haben Root."

Vertrauen muss sein, aber blindes Vertrauen?

Es ist zwar korrekt, dass man letztlich irgendwem trauen muss. Aber es macht einen großen Unterschied, ob man den Updates von Freier Software mit öffentlichem Quellcode vertraut oder einem Unternehmen wie Canonical beim Umgang mit persönlichen Daten. Das eine erfordert Vertrauen, das andere erfordert blindes Vertrauen.

Canonical heizte den Streit weiter an, indem es einem EFF-Mitarbeiter eine Aufforderung nach dem Digital Millenium Copyright Act zukommen ließ, um dessen Website fixubuntu.com vom Netz zu kriegen. Die Seite beinhaltete eine Anleitung, um die Amazon Lens zu beseitigen. Die Aufforderung nach dem Urheberrechtsgesetz richtete sich gegen die Verwendung von Canonical-Markenzeichen, aber in der Antwort der EFF hieß es: "Ihre Anfrage ist nicht vom Markenrecht gedeckt und kollidiert mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung." Letztlich befolgte der Schöpfer von fixubuntu.com die Aufforderung von Canonical dennoch. (An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass es seit Kurzem eine ganz ähnliche Seite namens fix-macosx.com gibt, die ein vergleichbares Problem mit der neuen Spotlight-Suchfunktion in Apples OS X Yosemite angeht.)

Was auch immer ihre Absicht war, Canonical und Shuttleworth wirkten rüpelhaft, als sie behaupteten, Root-Zugang zu den Rechnern ihrer Nutzer zu haben und sich nicht scheuten, sich das Markenrecht zurechtzubiegen, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. So etwas würde man vielleicht von Microsoft erwarten, aber in der Welt der Freien Software ist so ein Benehmen weniger verbreitet.

Es lohnt sich allerdings zu lesen, was Shuttleworth damals noch schrieb: "Ihr vertraut uns längst mit euren Daten. Ihr vertraut uns, dass wir eure Rechner nicht mit jedem neuen Update kaputtmachen. Ihr vertraut Debian und ihr vertraut einem großen Teil der Open-Source-Gemeinschaft. Und was das Wichtigste ist: Ihr vertraut uns, es anzusprechen, wenn wir, menschlich wie wir nun einmal sind, Fehler machen."

Dieser letzte Teil ist besonders relevant, aus zwei Gründen. Erstens hat sich Shuttleworth für die DMCA-Aufforderung entschuldigt, etwas Ähnliches ist nicht noch einmal vorgekommen. Zweitens ändert Canonical endlich seinen Kurs in Sachen Amazon Lens. Die Produktmanagerin Sally Radwan bestätigt, dass die Onlinesuche zwar noch nicht in Ubuntu 14.10 zum Opt-in wird, aber in der Version 15.04 im kommenden Jahr. Ubuntu korrigiert also einen Fehler, auch wenn es eine Weile gedauert hat.

Die mobile Zukunft

Ubuntu hat kürzlich angekündigt, dass die Version 15.04 den Namen Vivid Vervet bekommt (lebhafte Meerkatze). Während sich Shuttleworth in seinen Ankündigungen meist auf das Tier im Namen konzentriert, zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass das begleitende Wort oftmals wichtiger ist: von "warzig" im alles andere als glatten Warty Warthog über "klar" in Lucid Lynx, als Ubuntu einen Sinn für Äußerlichkeiten und eine attraktive Benutzeroberfläche entwickelt hatte, bis eben "lebhaft", was auf eine entsprechende Zukunft hoffen lässt.

Das Ubuntu-Phone wird kommen, und derzeit arbeitet das Projekt vor allem an der entsprechenden Benutzeroberfläche Unity 8. Irgendwann werden Desktop- und Smartphone-Oberfläche verschmelzen. Nur was passiert, wenn Ubuntu ein Smartphone baut und niemand kauft es?

Das Ubuntu Edge gilt schon heute als größtes und am spektakulärsten gescheitertes Crowdfunding-Projekt der Geschichte. Ubuntu verfehlte sein hochtrabendes Ziel von 32 Millionen US-Dollar um 19 Millionen, als es versuchte, Geld direkt von den Linux-Enthusiasten dieser Welt zu bekommen.

Mit Software hat Canonical jedenfalls mehr Glück. Es ist noch nichts, was die meisten Menschen heute benutzen wollen würden, aber das Betriebssystem Ubuntu Touch für mobile Geräte existiert und wird auf einer Reihe von Nexus-Geräten laufen. Gerüchteweise könnten schon in den nächsten Tagen Smartphones oder Tablets mit vorinstalliertem Ubuntu Touch vorgestellt werden.

Shuttleworth: "Freie Software ist größer als jedes einzelne Projekt"

Es waren keine perfekten zehn Jahre, aber es ist schwer vorstellbar, wo Linux heute ohne Ubuntu wäre. Als es 2004 auf den Markt kam, war KDE 3.5 die populärste Linux-Desktopumgebung, und die sah in der Standardversion wie ein trauriger Abklatsch von Windows 95 aus. Zehn Jahre später ist Linux allgegenwärtig, und meistens sieht man Ubuntu.

Was auch immer noch passiert, Ubuntu ist zum freundlichen öffentlichen Gesicht von Linux geworden. Aber wie Shuttleworth vor einigen Jahren in seinem Blog schrieb: "Freie Software ist größer als jedes einzelne Projekt. Sie ist größer als der Linux-Kernel, größer als GNU, größer als GNOME und KDE, sie ist größer als Ubuntu und Fedora und Debian. Jedes dieser Projekte spielt eine Rolle, aber es ist das Ganze, das die Welt wirklich verändert."

Dieser Artikel ist in einer längeren englischen Fassung auf Ars Technica erschienen. Übersetzung: Eike Kühl und Patrick Beuth