Hacker wissen bekanntermaßen Vieles lange vor dem Rest der Menschheit. Ist es mal wieder so weit?

Noch immer bringen die Snowden-Dokumente bisher unbekannte Ungeheuerlichkeiten zutage, im NSA-Untersuchungsausschuss offenbart der BND ein abenteuerliches Rechtsverständnis, die Briten bauen ihren Überwachungsstaat weiter aus statt ab, gravierende Sicherheitslücken wie Heartbleed werden erst nach Jahren gefunden und überhaupt sind alle Computer fundamental kaputt. Und dennoch rufen die Hacker des Chaos Computer Clubs (CCC) "eine neue Dämmerung" aus. A new dawn, so lautet das Motto des 31. Chaos Communication Congress (31C3), der am Samstag in Hamburg beginnt. Was wissen die, was wir nicht wissen? Woher der plötzliche Optimismus?

Im Programm der viertägigen Veranstaltung, dem Fahrplan, spiegelt er sich auf den ersten Blick jedenfalls nicht wieder. Ein Vortrag von CCC-Sprecher Frank Rieger heißt schlicht "Security Nightmares", der Datenschutzaktivist Caspar Bowden berichtet über die seit sechs Jahren andauernde "Cloud-Verschwörung", Neusprech-Blogger Martin Haase zerpflückt die Digitale Agenda der Bundesregierung. Berliner Sicherheitsexperten demonstrieren, wie sich UMTS-Verbindungen abhören lassen, der Sicherheitsforscher Arne Renkema-Padmos erklärt, warum die E-Mailverschlüsselung mit PGP immer noch "verdammt nah an der Unbenutzbarkeit" ist, andere stellen eine neue Methode zum Passwortknacken oder die vielen Schwächen in Banking-Apps vor.

Dirk Engling, einer der Club-Sprecher und Organisatoren des Kongresses will das Motto denn auch eher als "Aufruf an die Community" verstanden wissen denn als Beschreibung des Ist-Zustands. Er weist darauf hin, dass Facebook mit der Einführung von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in WhatsApp mal eben seinen Messenger sicherer gemacht hat, als es E-Mails nach 30 Jahren sind. Nun sei es an der Zeit, dass auch die Hacker-Community ihre Hausaufgaben erledigt und hilft, das Netz und Computer sicherer zu machen.

Stolz ist Engling auf das diesjährige Programm des 31C3: James Bamford, der mehrere Bücher über die NSA geschrieben hat und einst selbst für den Geheimdienst tätig war, wird da sein, ebenso Bill Scanell, der auf dem Berliner Teufelsberg für die NSA arbeitete und davon berichten wird. Laura Poitras wird ihre Snowden-Dokumentation Citizenfour zeigen und einen Vortrag halten. Die Keynote hält der Mann, der im vergangenen Jahr die Musik für die spektakuläre Eröffnung des 30C3 schrieb: Alec Empire. Der Kopf der Band Atari Teenage Riot ist ein hochpolitischer Musiker, der sich für Anonymous und WikiLeaks eingesetzt hat und 2011 ein ganzes Album zum Thema Überwachung veröffentlichte.

Überhaupt wird Kunst beim 31C3 sehr präsent sein, nicht nur in Vorträgen. Engling kündigt zudem einen großen "Hackerspielplatz" an, in den weit über 200 Assemblies wird gemeinsam gehackt, experimentiert und diskutiert, und für Kinder und Jugendliche gibt es einen Junghackertag mit kostenlosen Workshops. Mehr Kollaboration statt nur Präsentation sei das Ziel, sagt Engling. Auch das Rohrpostsystem vom vergangenen Jahr, die Seidenstraße, soll wieder aufgebaut werden, wird sich dieses Mal aber nicht durch das gesamte Gebäude ziehen.

Anlass zu Optimismus hat aber der CCC selbst, zumindest was die reinen Zahlen angeht: In den vergangenen zwei Jahren hat er seine Mitgliederzahlen um 20 Prozent steigern können. Aus 4.200 zahlenden Clubmitgliedern sind mittlerweile 5.700 geworden. Zum Kongress erwartet der CCC mindestens eine "gerade noch vierstellige Zahl" an Besuchern, sagt Engling. Es könnten aber genauso gut mehr als 12.000 werden. Trotzdem wird es möglich sein, auch spontan vor Ort ein Ticket zu bekommen. Um Erstbesucher kümmern sich erneut die Chaospatinnen und Chaospaten. Es sind Freiwillige, die Kongressneulingen helfen, sich zurechtzufinden und die passenden Vorträge und Workshops auszusuchen.

Wer es nicht nach Hamburg schafft, kann sich alle Vorträge hier im Livestream ansehen.