Woodlawn County ist eine typische amerikanische Vorstadtgemeinde außerhalb von Baltimore. Es gibt eine High School, zwei Einkaufszentren, und wer kiffen möchte, findet vermutlich rund um die Edmondson Avenue sein Gras. Am östlichen Ende endet die Interstate 70 am Eingang von Leakin Park. Jenem Ort, an dem im Februar 1999 die Leiche der vermissten 17-jährigen Hae Min Lee gefunden wurde.

Der Grund dafür, dass das verschlafene Woodlawn plötzlich ein Ort von internationalem Interesse ist, heißt Serial. Ein englischsprachiger Podcast, der aktuell in den USA, Großbritannien und Australien an der Spitze der iTunes-Charts steht. Woche für Woche untersucht die Journalistin und Radiomoderatorin Sarah Koenig darin den Mord an Hae Min Lee. Sechs von zwölf geplanten Episoden sind bereits erschienen. Der Name ist Programm: Serial ist ein Podcast, der von Anfang an gehört werden möchte und wie eine gute Krimiserie das Publikum in seinen Bann zieht. Mit einem Unterschied: Serial ist keine Fiktion.

Ein kalter Tag im Januar

Vor einem Jahr stieß Koenig, die als Reporterin für die Baltimore Sun gearbeitet hat und seit zehn Jahren Produzentin des preisgekrönten Radioprogramms This American Life ist, zufällig auf den Fall. Je mehr sie sich damit beschäftigt, desto mehr Ungereimtheiten fallen ihr in der offiziellen Geschichte auf.

Die geht so: Am 13. Januar 1999 verschwindet Hae Min Lee nach der Schule. Einen Monat später entdeckt ein Handwerker ihre Leiche in Leakin Park. Der Hauptverdächtige ist ihr Ex-Freund, der 17-jährige Adnan Syed, der für den Tatzeitpunkt kein Alibi vorzuweisen hat. Stattdessen stellt sich Adnans Kumpel Jay der Polizei: Adnan habe ihm gesagt, dass er Hae umgebracht hat. Anschließend habe er Adnan dabei geholfen, die Leiche zu vergraben. Wieso hat er das getan und sich nicht gleich bei der Polizei gemeldet? Weil er Angst hatte, dass seine Geschäfte als Drogendealer auffliegen, sagt Jay vor Gericht.

Für die Ermittler ist die Sache spätestens mit Jays Aussage klar: Adnan hat aus Liebeskummer und Eifersucht seine Ex-Freundin erdrosselt. Er wird zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, Jay kommt als Helfer nach der Tat mit einer Bewährungsstrafe davon. Heute ist Adnan 32 Jahre alt und hat fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht. Seine Schuld bestreitet er noch immer.

Mordfall mit Lücken

Serial rollt den Fall neu auf. Nach und nach rekonstruiert Koenig den Tag im Januar 1999. Sie veröffentlicht Telefongespräche, die sie mit Adnan, seinen Mitschülern und Zeugen von damals geführt hat. Sie zeigt Aufnahmen aus dem Prozess und den Verhören der Polizei und trägt Mobilfunkdaten zusammen, die Adnans Bewegungen am Tag der Tat dokumentieren. Auf der Website bekommen die Zuhörer zusätzliche Informationen in Form von Karten und Zeitleisten.

Kartenmaterial © Serial

Nach den ersten Folgen sieht es so aus, als sei Adnan tatsächlich unschuldig und Serial einem Justizskandal auf der Spur. Denn je mehr Details das Projekt offenlegt, desto undurchsichtiger wird der Fall: Jays Aussage hat große Lücken, der von der Staatsanwaltschaft erstellte Tatvorgang ist problematisch, und eine Mitschülerin, die Adnan ein mögliches Alibi liefern wollte, wurde nie in den Zeugenstand berufen. Doch für jedes Indiz, das für Adnans Unschuld spricht, taucht ein anderes auf, das ihn belastet. An einer Stelle sagt Koenig: "Die Geschichte mag Ungereimtheiten und Lügen enthalten. Aber trotzdem könnte sie im Kern wahr sein." Es sind diese Widersprüche, die Serial so erfolgreich machen.

Wie erfolgreich, zeigen die Reaktionen. "Die große Podcast-Renaissance" schreibt das New York Magazine. "Der Podcast, auf den wir gewartet haben" heißt es im New Yorker. Die BBC hat über Serial berichtet, und der Guardian nennt das Projekt ein "neues Genre des Audio-Storytellings". Für den Medienjournalisten David Carr von der New York Times ist es ein "beeindruckender Einblick sowohl in einen Mordfall als auch in eine Reportage."

Viel Lob also. Zu viel vielleicht? "Wir betreten kein Neuland mit dem Format", sagt die ausführende Produzentin Julie Snyder im Gespräch mit Nieman Storyboard, "ähnliche Projekte gab es bereits im Fernsehen." Koenig ergänzt: "Der Erfolg liegt nicht in unserer Idee oder der Art, wie wir die Geschichte erzählen. Die Leute können einem mysteriösen Mordfall einfach nicht widerstehen."

Das mag stimmen und ist doch tiefgestapelt. Ein Teil des Crossover-Potenzials von Serial liegt sicherlich in der drehbuchreifen Kriminalgeschichte. Es lässt sich aber ebenfalls mit seinem ungewöhnlichen Ansatz und der Umsetzung erklären.