Macht ein umfallender Baum im Wald ein Geräusch, wenn kein Mensch in der Nähe ist? Nimmt ein YouTube-Video, das niemand sieht, Speicherplatz weg? Während aktuell das neue Video von Taylor Swift durch die Netzwelt getrieben wird, warten Millionen von Clips auf ihren ersten Abruf überhaupt. Für die einen ist es bloß der long tail des Internets, für die anderen ist die Welt der ungesehenen Inhalte eine Fund- oder gar Goldgrube.

Und diese Grube ist groß und tief. Wie groß, weiß keiner so genau. Etwa 300 Stunden Videomaterial werden minütlich auf YouTube geladen. Im Jahr 2009 kam die Agentur Tubemogul zu dem Schluss, das knapp die Hälfte aller YouTube-Videos weniger als 500 Abrufe vorzuweisen hat, ein Drittel sogar unter 300. In einem offiziellen YouTube-Blogbeitrag aus dem Jahr 2011 heißt es, dass 30 Prozent der Videos 99 Prozent der Abrufe insgesamt ausmachen. 

Hinter den erfolgreichsten Inhalten schlummert also ein riesiges Archiv, öffentlich und doch versteckt. Denn viele der Clips tauchen aufgrund von fehlender Beschreibung und willkürlichen Dateinamen nicht einmal in der Suche auf.

Doch es gibt Möglichkeiten, sie zu finden: Die Websites Petit Tube und Underviewed suchen automatisch YouTube-Videos, die keine oder nur wenige Abrufe haben. Im Reddit-Unterforum Deep into YouTube teilen dagegen die Nutzer ihre eigenen Entdeckungen – je älter das Video ist und je weniger Abrufe es hat, desto besser. Vor allem aber sollte es reichlich kurios sein. Auf reddit.tv gibt es die Fundstücke in der Dauerschleife; ein beständiger Stream aus den Tiefen von YouTube.

YouTube ist nicht die einzige Plattform mit jungfräulichen Inhalten. Forgotify spielt nur Lieder auf Spotify, die noch kein einziges Mal gestreamt wurden. Das sind den offiziellen Quellen zufolge immerhin zwanzig Prozent der gesamten Bibliothek. Und wer erfolglose Instagrammer mit einem Like beglücken möchte, findet auf No Likes Yet aktuelle Bilder.

Auf der Suche nach dem nächsten viralen Hit

Natürlich muss man fragen, was das Ganze soll. Der demokratische Ansatz des Internets bestimmt schließlich, welche Inhalte erfolgreich sind und welche nicht. Viralität lässt sich zwar messen, aber nie hundertprozentig planen. Am Ende entscheiden die Nutzer über Erfolg oder Misserfolg. Anders gesagt: Musik, die niemand auf Spotify hört, hat es möglicherweise schlicht nicht verdient. Und wer auf Instagram keine Likes bekommt, hat entweder zu wenige Freunde oder muss dringend an seiner Selfie-Technik arbeiten.

Trotzdem haben Projekte wie PetitTube und Forgotify ihren Reiz. Gerade weil sie der Gegensatz zu den Charts und viralen Videoschleudern sind. Wer sich so tief hinab in die Abgründe von YouTube, Spotify und Instagram begibt, der muss gewappnet sein. Dort findet sich eine Mischung aus wackeligen Handyvideos, Szenen aus Videospielen und Filmen, Aufnahmen von nackten Katzen und brummkreiselnden Kindern, das Imagevideo eines Taxiunternehmens aus Höllriegelskreuth und den Gassenhauer Nikhil Jagat Sundar Sab von Dwijendralal Roy. Was es auch gibt: Einhornkatzen mit blonden Perücken vor einem Regenbogen.

Es ist wie so oft im Internet: Man möchte eigentlich gar nicht hinschauen. Und kann doch nur schwer wegsehen.

Das liegt auch daran, dass die Entdeckung solcher Inhalte fast schon ein bisschen aufregend ist. Irgendeiner muss schließlich die Hits von morgen entdecken, die nicht in den Büros der Werbeagenturen und Major-Labels ausgeklügelt wurden. Möglicherweise steckt in den Archiven noch so mancher Schatz, der nur darauf wartet, gefunden zu werden. Eine gewisse Goldgräberstimmung kommt beim längeren Browsen von Underviewed auf, in der man versucht, bereits aufgrund der Vorschaubilder die lohnenswertesten Clips zu finden.

Das klappt nicht immer, aber jede Suche ist gleichzeitig eine ganz persönliche Entdeckungsreise. Denn wer ein Video oder ein Lied das erste Mal klickt, sorgt zumindest im Fall von PetitTube und Forgotify dafür, dass es anschließend nie mehr auf diesen Seiten angezeigt wird. Man könnte also der erste und einzige Zuschauer und Zuhörer für eine unbestimmte Zeit sein. Ein fast schon romantischer Gedanke in der von Likes, Favs und Klicks dominierten Netzwelt.