Die Sony Pictures Studios in Culver City, Kalifornien © Reuters/Mario Anzuoni

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Sony Pictures Entertainment (SPE) tut es trotzdem nach Kräften. Das Unternehmen reagiert nach wie vor maximal ungeschickt beim Versuch, nach dem Hack durch Unbekannte zu retten, was zu retten ist.

Vergangene Woche drohte das Unternehmen verschiedenen Medien, darunter der New York Times, mit juristischen Schritten, falls diese weiterhin aus den geleakten internen SPE-Dokumenten zitieren. Die angeschriebenen Redaktionen gaben wenig überraschend nicht klein bei, sondern veröffentlichten die Drohung von Sony. Damit wurde die Aufmerksamkeit auf das Thema noch größer. Streisand-Effekt nennt sich das, benannt nach der Schauspielerin Barbra Streisand, die mit einer Millionenklage verhindern wollte, dass Luftaufnahmen von ihrem Haus im Internet archiviert werden. Die Aufmerksamkeit, die ihr Vorgehen nach sich zog, führte erst Recht zur Verbreitung der Fotos.

In den Büros von SPE aber hat man von diesem Phänomen offenbar noch nichts gehört. Denn das Hollywood-Unternehmen ist gleich noch mal in dieselbe Falle getappt. Auf Twitter veröffentlichte ein eher unbekannter Musiker namens Val Broeksmit Screenshots einiger interner Sony-Mails. Offenbar hatte er sich die gesamten Dokumente beschafft. Doch statt den Musiker mit seinen einigen Tausend Followern einfach zu ignorieren, droht SPE nun Twitter.

Twitter solle das Profil von Broeksmit sperren. Andernfalls werde Twitter für finanzielle Schäden haftbar gemacht, die durch die Veröffentlichung der Interna entstünden, heißt es in dem Brief von Sony an den Musiker wie auch Twitter. Den Schrieb gab Broeksmit umgehend an einen Journalisten weiter, der ihn erwartungsgemäß veröffentlichte. Die logische Folge: Der Twitter-Account mit den peinlichen E-Mail-Screenshots ist nun viel bekannter, als er es vor der Reaktion von SPE war. Und die dort verbreiteten Unternehmensdokumente werden jetzt noch viel weiter verbreitet.

Oder um es mit den Worten eines anderen Twitter-Nutzers zu sagen: "In dem Versuch, die Verbreitung interner Dokumente im Internet zu verhindern, hat Sony nun den Anwalt von Barbra Streisand engagiert."

SPE argumentiert wie schon in dem Brief an verschiedene US-Medien, die gestohlenen Daten beinhalteten urheberrechtlich geschütztes Material, vertrauliche Kommunikationsvorgänge zwischen Anwälten und Klienten, persönliche Daten von Angestellten sowie Geschäftsgeheimnisse. Die Twitter-Regeln untersagen die unbefugte Veröffentlichung solcher Informationen auch unmissverständlich. Insofern hat Sony sogar nachvollziehbare Argumente. Aber Twitter stellt sich vor allem in den USA erfahrungsgemäß erst einmal vor seine Nutzer, ehe es Inhalte löscht oder Konten sperrt. SPE hätte wissen müssen, dass Twitter nicht klein beigeben, sondern harte Beweise dafür verlangen würde, dass die veröffentlichten Informationen nicht mit den Twitter-Regeln vereinbar sind.

Der Musiker Broeksmit scheint dagegen ein wenig eingeschüchtert zu sein. Im Gespräch mit re/code sagte er, er sei ausgeflippt, als er den Brief von SPE erhalten habe. Die Drohung empfand er zunächst durchaus als angsteinflößend. Aber auf die Frage, ob er mit der Veröffentlichung von seiner Meinung nach "unterhaltsamen oder interessanten" E-Mails aufhören würden, antwortete er: "Wahrscheinlich nicht... Ich weiß nicht." Wie auch immer er sich entscheidet: Auch das Interview mit re/code dürfte nur dazu beigetragen haben, dass das Interesse an seinem Twitter-Auftritt größer wird.

"Voller Panik-Modus"

Broeksmit keine größere Bühne zu geben, wäre wohl vernünftiger gewesen. Aber rational war bislang kaum etwas von dem, was SPE nach dem Einbruch in seine Systeme getan hat, angefangen bei der Entscheidung, den Film The Interview zunächst nicht zu veröffentlichen. Für den Sicherheitsexperten Bruce Schneier zeigt Sony Pictures "alle Anzeichen eines Unternehmens ohne kohärenten Plan. So weit ich das sehe, befindet sich jeder Sony-Manager derzeit im vollen Panik-Modus".

Daran hat offenbar auch die auf Krisen-PR spezialisierte Beraterin Judy Smith noch nichts ändern können, die SPE vor einigen Tagen engagiert hat. Smith ist übrigens das reale Vorbild für die Figur der Olivia Pope aus der TV-Serie Scandal.