Es ist ein wahrer Schatz an Peinlichkeiten, den große Medienhäuser, IT-Blogs und Hollywood-Reporter seit zwei Wochen genüsslich ausschlachten: In den Dokumenten, die Unbekannte bei ihrem Großangriff auf Sony Pictures kopiert und veröffentlicht haben, stecken unzählige Storys, für die es ein großes Publikum gibt.

Das reicht von Details aus dem Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film über Tarnnamen und Allüren von Hollywoodstars, Finanzdaten, eine geplante Kampagne gegen Google bis zu E-Mails mit beleidigenden und rassistischen Bemerkungen über Barack Obama. Das Netz ist voll mit diesen Informationsschnipseln. Dabei ist es medienethisch mindestens fragwürdig, aus den Dokumenten zu zitieren. Sie wurden auf illegalem Weg an die Öffentlichkeit gebracht und, was noch wichtiger ist, sie beinhalten Geschäftsgeheimnisse sowie private Korrespondenz und private Daten von Mitarbeitern. Was sie zumindest bisher nicht beinhalten: Hinweise auf illegale oder ernsthaft verwerfliche Aktivitäten.

Man muss Sony Pictures vorwerfen, die Sicherheit der eigenen Computersysteme katastrophal vernachlässigt zu haben. Aber das sollte noch lange kein Grund für Journalisten sein, die Steilvorlage der Täter zu nutzen und die von ihnen erbeuteten Dokumente zu verwenden, um dem Unternehmen zu schaden. Genau das ist es, was die Kriminellen wollten. Nichts gegen Informanten mit einer eigenen Agenda – aber es ist schon bemerkenswert, wie bereitwillig sich manche Medien dafür ausnutzen lassen, einer Erpresserbande zu helfen, nur weil sie selbst von der Aufmerksamkeit profitieren.

Entscheidend ist aber nicht, dass jemand Drittes die Dokumente mit kriminellen Mitteln beschafft hat. Auch die Pentagon-Papiere und die Snowden-Dokumente sind nur öffentlich geworden, weil jemand US-Recht gebrochen hat. Journalisten in den USA und Deutschland dürfen aus solchen Quellen berichten. Entscheidend ist, dass der Sony-Hack im Gegensatz zu den Vietnamkriegs- und den Snowden-Enthüllungen keine gesellschaftliche Funktion erfüllt. Von der puren Unterhaltung mal abgesehen. Ob die Sony-Interna gesellschaftlich relevant sind, spielt bisher keine Rolle.

Sony Pictures droht nun US-Medien, sie für finanzielle Schäden haftbar zu machen, die durch ihre Berichterstattung über die Details der Dokumente entstehen. Was die Technikseite re/code, aber auch der Hollywood Reporter und die New York Times gleich wieder zu einer neuen Story gemacht haben, ohne dabei ihre eigene Rolle zu hinterfragen. Die New York Times übrigens, die erst aus Sony-internen E-Mails zitierte, in denen sich jemand abfällig über Angelina Jolie äußerte – und dann den Drehbuchautor Aaron Sorkin in einem Gastbeitrag alle Medien verdammen ließ, die Details aus den Dokumenten preisgaben, nur weil die angeblich "newsworthy" seien.

"Newsworthy" ist ein Zitat eines Variety-Redakteurs, der die Berichterstattung mit abenteuerlichen Argumenten zu rechtfertigen versucht. Das simpelste lautet schlicht: Wenn es alle anderen machen und wir nicht, riskieren wir, dass unsere Leser zu den anderen gehen. Medien zitieren also aus den Dokumenten, weil es sie gibt. Weil sie es können. Weil es alle anderen auch tun. Weil es ein Publikum gibt, das gerne dabei zusieht, wie ein bei vielen verhasstes Hollywood-Studio bloßgestellt wird. Weil sie aus den bitteren Folgen für das Unternehmen gleich die nächsten Artikel machen können.