Mehr als zwei Jahre lang saß der US-Journalist Barrett Brown für seine mutmaßlichen Verbindungen zu Anonymous und deren Hack des US-Sicherheitsunternehmens Stratfor in Untersuchungshaft. Am Donnerstag sprach ein Gericht in Dallas das Urteil. Der 33-Jährige wurde in drei Anklagepunkten zu insgesamt 63 Monaten Haft verurteilt. Zudem muss er Entschädigungen in Höhe von 890.000 US-Dollar zahlen.

Unter Einbeziehung der bereits verbüßten Zeit bedeutet das knapp drei weitere Jahre Gefängnis für Brown, etwa 25 Monate bei guter Führung. Bereits im April hatte er sich in zwei Anklagepunkten schuldig bekannt, um das Strafmaß zu lindern. Seine Verteidiger hofften dennoch bis zum Schluss, dass die Richter die Zeit in Untersuchungshaft als ausreichende Strafe sehen würden. In seinem Abschlussplädoyer warnte Brown davor, dass das Urteil einen gefährlichen Präzedenzfall für die Arbeit von Hacktivisten schaffen könnte.

Tatsächlich riefen Browns Verhaftung und die Anklage der Staatsanwaltschaft in den vergangenen beiden Jahren Bürgerrechtler, Aktivisten, Journalisten wie Glenn Greenwald und prominente Intellektuelle wie Noam Chomsky auf den Plan. Denn es ging um mehr als einen Hack: Das Urteil gegen Brown ist auch ein Hinweis für Journalisten, die mit geleakten Daten arbeiten. Es zeigt, wie willkürlich und mit welchen Einschüchterungstaktiken die US-Behörden inzwischen gegen investigative Journalisten vorgehen.

Stratfor – ein Hack mit Folgen

Zunächst die Geschichte: Im Februar 2011 hacken Sympathisanten von Anonymous die Server des Sicherheitsunternehmens HBGary Federal. Wenig später gründet sich die Hackergruppe LulzSec, die gemeinsam mit Anonymous  zwischen 2011 und 2012 im Rahmen der "Operation AntiSec" für mehrere Hacks auf staatliche und private Sicherheitsdienste verantwortlich ist. Darunter ist auch der Sicherheitsberater Strategic Forecasting, kurz Stratfor. Im Februar 2012 erscheinen auf WikiLeaks fünf Millionen interne Stratfor-E-Mails. Zudem können die Hacker Tausende Kreditkartennummern und Passwörter entwenden.

Aus den Stratfor-Mails geht hervor, dass Stratfor unter anderem als Berater für das US-Verteidigungsministerium und Rüstungskonzerne tätig ist. Laut Wikileaks soll es in den Mails Hinweise auf die Einschüchterung von Journalisten und politischen Gegnern wie Julian Assange geben, auf Geldwäsche und Insider-Trading und die Anwendung "psychologischer Methoden". Sie sollen zeigen, dass Stratfor offenbar ein unkontrollierter, privater Geheimdienst ist. Die Verantwortlichen des Unternehmens sagen später, dass die Sprache in den Mails zu Misinterpretationen führen würde.

Zehn Tage nach der Veröffentlichung wird in Chicago der Aktivist und Hacker Jeremy Hammond verhaftet. Gemeinsam mit fünf anderen soll er maßgeblich am Stratfor-Hack beteiligt gewesen sein. Dass Hammond überhaupt gefasst wird, liegt an Hector Xavier Monsegur, besser bekannt als Sabu. Der gründete nicht nur die Gruppe LulzSec, sondern stand seit Juni 2011 als Informant in Diensten des FBI. Er ist es, der Hammond und andere Hacker nach und nach enttarnt. Jeremy Hammond verbüßt inzwischen eine zehnjährige Haftstrafe. Sabu dagegen ist dank seiner Kooperation mit dem FBI wieder auf freiem Fuß. In der Szene gilt er als Verräter.

Auch über den genauen Ablauf des Stratfor-Hacks gibt es widersprüchliche Angaben. Tatsächlich deuten inzwischen von weiteren Hackern veröffentlichte Chatprotokolle darauf hin, dass es Sabu war, der Jeremy Hammond überhaupt erst auf die Sicherheitslücken bei Stratfor aufmerksam machte. Noch wichtiger: Das FBI wusste dank Sabu offenbar von den Angriffen und unterstützte sie in der Hoffnung, noch weitere Hacker oder sogar den WikiLeaks-Gründer Julian Assange festnehmen zu können. Offenbar handelten also nicht nur die Hacker illegal, sondern auch das FBI, das diese Aktivitäten bewilligte.

Der Journalist und Anonymous-Insider

Barrett Browns Rolle war eine andere, an den Hacks selbst war er nie direkt beteiligt. Als freier Journalist für unter anderem die Huffington Post und den Guardian schrieb er in den vergangenen Jahren regelmäßig über Anonymous. Er war gut vernetzt, hatte persönlichen Kontakt zu Hackern wie Jeremy Hammond und bekam von einigen Medien gar den Titel als De-facto-Sprecher des losen Kollektivs verpasst – etwas, das Brown stets dementierte.

Dennoch gibt er in einem aktuellen Interview mit Krautreporter zu, damals "Anonymous beherrschen zu wollen" und in eine Aktivistengruppe zu verwandeln. Brown ist ein kluger Kopf und Satiriker. Aus dem Gefängnis schrieb er per Brief clevere Kolumnen für das D Magazine in Dallas. Gleichzeitig gilt er als komplizierter Charakter, der in der Vergangenheit nicht nur mit Behörden und Anonymous-Mitgliedern aneinandergeriet, sondern auch mit Drogen und Alkohol kämpfte.

Nach den Angriffen auf HBGary Federal suchte Brown nach einer Möglichkeit, die riesigen Datensätze nach interessanten Informationen zu durchsuchen. Er setzte das Wiki Project PM als eine Plattform für Aktivisten auf, um sich mit anderen Journalisten und Freiwilligen austauschen zu können. Tatsächlich fanden sie Informationen, die auf eine Massenüberwachung sozialer Netzwerke im Nahen Osten hindeuteten.

Als dann die Stratfor-Dokumente auf WikiLeaks erschienen, wollte Brown abermals Project PM nutzen. Zudem entdeckte er Hinweise auf bis heute nicht näher bekannte Verstrickungen des Sicherheitsunternehmens Booz Allen Hamilton, für das Edward Snowden zuletzt gearbeitet hatte. Nur wenige Tage später, im März 2012, durchsuchte das FBI erstmals Browns Wohnung. Im September des gleichen Jahres nahmen sie in schließlich fest. Der Grund: Brown habe in einem YouTube-Video – offenbar unter dem Einfluss eines Drogenentzugs – den FBI-Agenten bedroht, der für die Ermittlungen gegen ihn verantwortlich war.

Ist das Verbreiten eines Links eine Straftat?

Dabei blieb es nicht. Die Staatsanwaltschaft benötigte nicht lange, um Brown mit dem Hack an Stratfor in Verbindung zu bringen. In zwölf neuen Anklagepunkten ging es unter anderem um die Verbreitung eines Links, der auf die gestohlenen Stratfor-Dokumente verwies, die auch Kreditkartennummern enthielten. Brown hatte diese nie missbraucht. Noch war er aktiv an den Angriffen beteiligt. Dennoch hätten ihm bis zu 105 Jahre Haft als Höchststrafe gedroht.

Die Anklage schlug hohe Wellen. Schließlich ging es plötzlich um eine fundamentale Praxis im Internet: Wenn das Verbreiten eines Links einen Straftat darstellt, würde das die Arbeit investigativer Journalisten nicht nur beeinträchtigen, sondern nahezu unmöglich machen. Die Berichterstattung über die Snowden-Dokumente oder auch den Hack von Sony wäre ein Risiko, das vermutlich nur noch wenige Journalisten eingehen würden. Jeder Link auf etwa WikiLeaks könnte bestraft werden.

Reporter ohne Grenzen und die Electronic Frontier Foundation argumentierten in einem Schreiben, dass Verlinkungen eine journalistische Praxis seien, die durch die Meinungsfreiheit geschützt sei, wenn die verlinkten Dokumente im öffentlichen Interesse stehen. Zudem bedeutet das alleinige Verbreiten eines Links noch nicht, dass die jeweiligen Nutzer die Daten auch herunterladen oder überhaupt einsehen.

Abschreckung von Journalisten und Hacktivisten

Das erkannte schließlich auch die Staatsanwaltschaft. Im Frühjahr ließ sie überraschend elf der zwölf Anklagepunkte fallen. Stattdessen kamen zwei neue hinzu, sodass am Ende nur noch drei Anklagepunkte mit einer möglichen Höchststrafe von 8,5 Jahren übrig blieben: Zum einen die Bedrohung eines FBI-Beamten per Video. Zum anderen das Behindern einer Hausdurchsuchung, weil Brown mithilfe seiner Mutter einen Laptop vor den Ermittlern versteckt hatte. Zum Schutz seiner Quellen, wie er später sagte.

Der letzte Punkt geht konkret auf die Stratfor-Hacks zurück: Angeblich habe Brown nach dem Hack mit den Verantwortlichen des Unternehmens Kontakt aufgenommen und sich als Vermittler zu Anonymous angeboten. Dabei soll er die Behörden allerdings auf eine falsche Fährte gelockt haben. Er habe die Identität eines Stratfor-Hackers, vermutlich die von Jeremy Hammond, gezielt verschleiert. Das mache Brown, so die Staatsanwaltschaft, zu einem Helfer nach der Tat.

In allen drei Punkten wurde Brown von den Richtern in Dallas schudig gesprochen. Auch wenn Barrett Brown und seine Anwälte das Strafmaß zumindest etwas mildern konnten, sind sie davon überzeugt, dass die Behörden den Fall von vornherein zur Abschreckung von Journalisten, Hacktivisten und Whistleblowern nutzten, die über private Sicherheitsunternehmen oder Geheimdienste berichten. Die zweijährige Untersuchungshaft mit eingeschränktem Besuchsrecht, ein richterlich angeordnetes Redeverbot (gag order), das den Beteiligten untersagt, über die Entwicklungen zu berichten, und eine Bewährungsstrafe für Browns Mutter seien nichts weiteres als ein Missbrauch des Gesetzes, um ein Exempel zu statuieren.

So, wie es auch im Fall von Aaron Schwartz geschah und Chelsea Manning widerfuhr. Dem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Reporter James Risen drohten sie eine Haftstrafe an, weil er die Quellen für seine CIA-Enthüllungen nicht preisgeben wollte. Und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras verließ die USA und zog nach Berlin, weil sie immer wieder stundenlang an Flughäfen festgesetzt und befragt wurde und glaubte, ihr Material in der Heimat nicht mehr schützen zu können.

In seinem Abschlussplädoyer zeigte sich Brown reuig und gab Fehler zu. Er sagte allerdings auch, dass das FBI nicht die Regeln eines Rechtsstaats befolge, sondern seine eigene Regeln mache. Ein Journalist sei nur dann ein Journalist, wenn es ihnen in den Kram passe. In einem Fall sollte Brown Recht behalten: Für die Pressefreiheit in den USA und die Arbeit von Aktivisten ist seine Verurteilung ein Rückschlag.  

Update vom 23.1.: Der Absatz über die Inhalte der Stratfor-Mails wurde präzisiert.