Google-Suche © REUTERS/Francois Lenoir

Genau 345.169.134 Links sollte Google im vergangenen Jahr aus seinem Suchindex entfernen, weil sie angeblich auf urheberrechtlich geschützte Inhalte führen. So viele waren es noch nie. Zum Vergleich: Bis einschließlich 2008 bekam Google höchstens ein paar Hundert sogenannter takedown requests nach dem zugrundeliegenden Gesetz, dem Digital Millenium Copyright Act (DMCA).

Wie kommt dieser Anstieg von einer Handvoll Links auf 345 Millionen zustande? Wer ist schuld daran? Und was sagt er über die technische, rechtliche und gesellschaftliche Entwicklung des Internets aus?

Zunächst zur Datenbasis: Google selbst veröffentlicht in seinem Transparenzbericht jede Woche die Anzahl der URLs, die Rechteinhaber aus dem Suchindex entfernt haben wollen. TorrentFreak hat diese Zahlen für 2014 addiert und kam so auf 345.169.134. Die Vergleichszahlen aus den Jahren 2008 bis 2012 stammen aus einem Paper von Daniel Seng von der Stanford Law School.

Seng hat einen Crawler über die Seite ChillingEffects.org geschickt, auf der Google (und andere) solche Löschanträge dokumentieren, und mit Daten aus Googles Transparenzberichten abgeglichen. Zwar listet Seng nicht explizit die Zahl der betroffenen URLs auf, sondern die der gestellten Anträge. Aber seinen Angaben zufolge enthielten die Anträge bis 2008 praktisch immer nur eine Internetadresse, die aus dem Suchindex entfernt werden sollte. Heute können Rechteinhaber bis zu 10.000 Adressen in einen einzigen Antrag an Google schreiben.

Laut DMCA muss Google schnell reagieren

Nun zu den Ursachen für die gewaltige Zunahme von takedown requests (übrigens nicht nur bei Google). Eine davon ist die technische Infrastruktur: Die Verbreitung von Peer-to-Peer-Netzwerken bei gleichzeitigem Breitbandausbau haben das illegale Filesharing stark vereinfacht. So konnten Filehoster, Tauschbörsen und Torrent-Tracker wie Megaupload und The Pirate Bay entstehen und weltweit bekannt werden. Hinzu kommen unzählige kleinere und größere Websites wie kinox.to, auf denen geschütztes Material zum Download angeboten oder gestreamt wird.

Der zweite Grund ist der Hang der Rechteinhaber insbesondere aus der Musik, der Film- und der Pornoindustrie, ihre alten Geschäftsmodelle auch in Zeiten neuer Technik bewahren zu wollen. Viele haben es versäumt, attraktive legale Angebote zu schaffen. Statt Musik, aber auch Filme und Serien frühzeitig und international zum kostenpflichtigen Download anzubieten oder vergleichbare Modelle zu entwickeln, haben sich viele auf den Kampf gegen die Urheberrechtsverletzer konzentriert. 

Die besondere Rolle von Google

Eine neue Branche ist entstanden, in der Unternehmen im Auftrag der Rechteinhaber nach Links im Netz fahnden und diese melden, Torrents überwachen und in vielen Fällen auch mit Abmahnanwälten zusammenarbeiten. Der Erfolg ist dennoch überschaubar: Die Seiten wachsen schneller nach, als sie vom Netz genommen werden.

Google kommt dabei aufgrund seines Marktanteils eine besondere Rolle zu. Der DMCA befreit Unternehmen wie Google von der Haftung für die Urheberrechtsverstöße ihrer Nutzer, sofern sie sich bemühen, entsprechende Inhalte oder Links zu entfernen – wenn die Rechteinhaber sie darauf hinweisen. Und weil die allzu oft auf wenig kooperative Serverbetreiber stoßen und die illegalen Angebote nicht aus dem Netz verbannt bekommen, wenden sie sich an Google. Über die populärste aller Suchmaschinen finden eben auch besonders viele Nutzer die illegalen Angebote.