Mit Word Lens lassen sich zum Beispiel Schilder per Kamera übersetzen. © Google

Technologieunternehmen forschen seit Jahrzehnten an Systemen, mit denen dem babylonischen Sprachengewirr ein Ende gesetzt werden soll. Menschen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, sollen mithilfe eines sprechenden Universalübersetzers miteinander reden können – und zwar vernünftig. Ein Urlauber erklärt etwa in der Notaufnahme in São Paulo dem Arzt auf Deutsch, was ihm wehtut, eine Anwendung wiederholt die Sätze fast in Echtzeit auf Portugiesisch, die Antworten des Arztes kommen auf Deutsch zurück.

Google führt jetzt eine aktualisierte Version der Übersetzungs-App Google Translate ein, mit der Smartphones und Tablets näher an die Utopie eines solchen Universalübersetzers herankommen sollen. Die Anwendung (Google Übersetzer in Deutschland) erkennt gesprochene Sprache, verschriftlicht die Sätze in die Zielsprache und gibt sie gleichzeitig akustisch aus. Das kann die bisherige Version zwar auch, allerdings nur mit einiger Verzögerung. In der neuen Version ertönen die Übersetzungen deutlich schneller als zuvor.

Zudem müssen Nutzer jetzt nicht mehr die beiden Sprachen einer Konversation manuell aus 38 möglichen Sprachen auswählen und vor jedem Satz den Mikrofon-Knopf auf dem Bildschirm antippen. Die neue App erkennt die Sprachen automatisch und das Mikrofon nimmt auf, sobald man spricht. "Das verbessert den Gesprächsfluss deutlich", sagt Barak Turovsky, Produktmanager für Google Translate, in einem Gespräch mit ZEIT ONLINE in San Francisco.

Übersetzung erfordert Disziplin

Ein kurzer Dialog zwischen dem in Russland geborenen Turovsky und seinem Kollegen Otávio Good verlief tatsächlich recht flüssig. Turovsky erkundigte sich auf Russisch, wie es Good geht, sprach über seinen präsidialen Vornamen und wo er herkommt. Alles wurde richtig auf Englisch übersetzt, Goods englische Antworten laut Turovsky korrekt auf Russisch. 

Das Gespräch zwischen einer spanischen Kollegin und mir stockte hingegen. Aus dem spanischen "Hallo, ich kann mich nicht an Deinen Namen erinnern" wurde auf Deutsch: "Ich erinnere mich an Deinen Namen." Aus ihrer Frage "Und du, für wen arbeitest Du?" machte Google Translate auf Deutsch "Und sie für die sie arbeiten." In dieser Art ging es weiter.

"Die App ist nicht perfekt", räumte Turovsky ein. Von einem geübten menschlichen Dolmetscher ist die Anwendung, die nicht für Telefongespräche gedacht ist, noch weit entfernt. Das Ganze geht immer noch umständlich vonstatten und erfordert Disziplin: Hat einer fertig gesprochen, muss der Gesprächspartner warten, bis das Handy die Übersetzung ausgespuckt hat, bevor er etwas sagen kann.

Ein zweites Problem: Sitzt man nicht in einem ruhigen Zimmer ohne Hintergrundgeräusche, lässt die Qualität merklich nach. Bis wir mit Menschen aus anderen Ländern reibungslos plaudern können, ohne die gleiche Sprache zu sprechen, müssen die Computer noch leistungsfähiger werden. Ob sie je so gut wie der Mensch mit Syntax, Redewendungen, Dialekten, Intonation, Kontext, Nuancen oder Anspielungen umgehen können, bleibt fraglich. Aber in vielen Situationen sei selbst eine unvollkommene Übersetzungen hilfreich, sagt Turovsky.

Mit jedem übersetzten Wort lernt das Programm

Um die Übersetzungsangebote zu verbessern, durchforstet Google das Web, sammelt Daten und Übersetzungen und setzt dabei auf maschinelles Lernen und statistische Analyse, um die Sprachen zu erlernen und die Qualität zu steigern. Der Konzern lässt dabei auch andere – ohne Entgelt – für sich arbeiten. Laut Turovsky sind es Millionen Freiwillige: "Wir geben den Leuten die Möglichkeit, unsere Systeme mit Übersetzungen zu füttern oder von anderen Leuten gelieferte Übersetzungen zu bewerten."

Der Input kommt letztlich auch Googles Übersetzungsfunktionen bei der Internetsuche, der Übersetzung von Webseiten und dem konzerneigenen Chrome-Browser zugute. Google Translate bietet mittlerweile schriftliche Übersetzungen in 90 Sprachen und ist mit mehr als einer Milliarde Übersetzungen pro Tag eines der am häufigsten genutzten Produkte des kalifornischen Konzerns.