Donnerstagmorgen im Internet. In den deutschen Kanälen auf der Streaming-Plattform YouNow ist noch nicht viel los. Amy* sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett und erklärt knapp 50 Zuschauern, wie sie ihre Haare stylt. Auf einem anderen Kanal tauschen Mirko und Angela musikalische Vorlieben aus. Von Tolga dagegen ist nur ein struwweliger Kopf zu sehen: Er schläft selig und hat offenbar vergessen, die Webcam auszuschalten. Und die 14-jährigen Melina und Markus beteuern: "Wir sind keine Schulschwänzer, echt nicht!"

YouNow ist eine Plattform zum Live-Streaming. Mit der Smartphone-App oder per Webcam können die Nutzer live und kostenlos ins Internet senden. Seit knapp drei Jahren gibt es den Dienst bereits, doch in Deutschland ist er erst seit den letzten Weihnachtsferien so richtig bekannt. Der Anteil der deutschsprachigen Nutzer sei in den vergangenen beiden Monaten um 250 Prozent gewachsen, sagen die Gründer des in New York ansässigen Unternehmens.

Diese Nutzer sind junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, heißt es offiziell. Ursprünglich war YouNow für Musiker und YouTuber gedacht, die mit ihren Fans direkt in Kontakt treten möchten. Doch schon ein kurzer Ausflug in die Welt von YouNow zeigt, dass die Plattform inzwischen vor allem unter jüngeren Teenagern beliebt ist. Deshalb sind sowohl Jugend- als auch Datenschützer alarmiert. In dieser Woche warnten mehrere IT- und Medienrechtler vor der Nutzung des Dienstes.

Belohnung im Chat

Die Faszination von YouNow liegt in seiner einfachen Bedienung und der sofortigen Belohnung. Zur Anmeldung benötigt es nicht mehr als ein Facebook-, Twitter-, oder Google-Konto. Der Vorteil gegenüber YouTube, in dem Videos erst aufgenommen und anschließend hochgeladen werden müssen, liegt in der Unmittelbarkeit: Ob aus dem Kinder- oder Klassenzimmer, vom Sportplatz oder der Party am Wochenende: Mit YouNow können die Nutzer immer auf Sendung sein.

"Für die Jugendlichen ist es nichts Besonderes mehr von allem ein Foto oder Video zu machen. Die Entwicklung des mobilen Internets führt dazu, dass Livestreams aus allen Lebenslagen uns künftig noch stärker beschäftigen werden", sagt Markus Merkle, der im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW das Jugend-Informationsportal Handysektor betreibt.

Wie auf anderen Streaming-Plattformen wie etwa twitch.tv werden die Sendungen erst durch den Chat und den Austausch interessant. Hier lockt YouNow mit dem Belohnungsprinzip: Zuschauer können die Streamer empfehlen oder ihnen kleine virtuelle Geschenke zukommen lassen. Je mehr Zuschauer und Empfehlungen jemand hat, desto höher ist sein Level auf der Plattform. Das zeigt ihm und anderen: Seht her, ich bin beliebt!

Doch die Freude an der Selbstdarstellung birgt Gefahren – vor allem für Minderjährige. Schon ein kurzes Zapping durch die Kanäle zeigt, wie leichtfertig viele auf Nachfrage ihren Namen und ihr Alter herausrücken. Einige verraten Adressen oder Telefonnummern, manche Mädchen zeigen sich freizügig, vielleicht ohne zu ahnen, welche Risiken das mit sich bringen kann. Und durch die Tatsache, dass viele sich über Facebook anmelden, tauchen die echten Namen oft in der Kanalbeschreibung auf. Aus vielen kleinen Informationen lassen sich schnell Rückschlüsse auf die Identität ziehen.

Private Details landen schnell im Netz

"Ein Teil der Jugendlichen geht zwar schon sehr reflektiert damit um", sagt Merkle, "aber wenn man einmal drin ist in dem Bann, gibt man eventuell zu schnell private Details preis. Natürlich weiß man nie, wer sich hinter den Nutzern im Chat versteckt und ob diese sich nicht das Vertrauen erschleichen." Das gelte für traditionelle Chaträume genauso wie für Plattformen wie das einst sehr beliebte Chatroulette.