Der Amazon Fire TV Stick mit Fernbedienung © Amazon

Kampfansage? Fehlanzeige. "Wir kommentieren nicht die Konkurrenz", sagt Jay Marine, Vizepräsident von Amazon Prime Instant Video, nur um dann doch einen kleinen Seitenhieb zu landen: "Ich denke, die Zahlen sprechen für sich." Die Zahlen, die er meint, stammen aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Beratungsunternehmens Goldmedia und besagen: Amazon Prime Instant Video ist das am häufigsten genutzte Video-on-Demand-Angebot (VoD) in Deutschland. 33 Prozent der Befragten gaben an, es zu nutzen. Netflix kam auf acht Prozent, noch hinter Maxdome, iTunes und Google Play mit jeweils knapp elf Prozent.

Auch wenn Netflix erst seit September in Deutschland verfügbar ist – Amazons Vorsprung ist beachtlich. Seit der Versandhändler vor einem knappen Jahr seinen Prime-Lieferservice mit seinem Streaming-Dienst für 50 Euro im Jahr verschmolz, stiegen die Kundenzahlen deutlich an. "Das Modell funktioniert, die Kunden schätzen den Mehrwert", sagt Marine. Ob sich das auch wirtschaftlich lohnt, spielt zunächst keine Rolle. Amazon möchte in die Wohnzimmer der Kunden – zum möglichst kleinen Preis und möglichst mit eigener Hardware. Zur Auswahl stehen ab heute zwei Geräte.

Schon seit Herbst bietet Amazon mit dem Fire TV eine Set-Top-Box an, die VoD-Dienste, Medienangebote und Videospiele auf den Fernseher bringt. Jetzt hat das Unternehmen als Alternative den Fire TV Stick für Deutschland angekündigt. Das Gerät kann ab sofort vorbestellt werden und wird ab dem 15. April ausgeliefert, zum Preis von 39 Euro. In den ersten 48 Stunden erhalten ihn bestehende Prime-Kunden bereits für 19 Euro. Es ist ein Kampfpreis, wieder einmal.

Das abgespeckte Fire TV

Dafür bekommen die Käufer eine abgespeckte Variante des Fire TV: Wie Googles Chromecast wird der Fire TV Stick in die HDMI-Buchse eines modernen Fernsehgeräts gesteckt, Strom bekommt er per Netzteil oder über den USB-Anschluss des Fernsehers. Nutzer geben dann nur noch ihr Amazon-Passwort ein und verbinden den Stick mit dem WLAN. Dann können sie Inhalte direkt aus dem Netz auf den Fernseher streamen. Die Ausstattung des Sticks ist aufgrund der geringen Größe schwächer als die der Fire TV Box. Das bedeutet, nicht alle Games laufen auf dem Stick. Er ist aber ohnehin vor allem für Videoinhalte gedacht, insbesondere für Amazon Instant Video.

Dennoch wirbt Amazon mit Offenheit und einer großen Auswahl verfügbarer Apps. So können die Nutzer über den Fire TV Stick auch Netflix oder HBO Go abrufen. Für den deutschen Markt gibt es die Mediatheken von ARD, Arte und ZDF, Web-TV-Sender wie Zattoo und Putpat und Medien wie Spiegel Online und Sport1.

Eine weitere Besonderheit ist die mitgelieferte Fernbedienung. Während Googles Chromecast nur Inhalte von einem PC oder Smartphone empfängt und diese auf dem Fernseher abspielt, ist der Fire TV Stick in Sachen Bedienung und Bauweise näher an einer Set-Top-Box und lässt sich ohne Smartphone steuern. Das ist vor allem für Nutzer interessant, die technisch weniger versiert sind. Wer allerdings Wert auf die schnellere Suche per Sprachsteuerung legt, kommt um die Smartphone-App nicht herum. Inhalte von einem PC können über WLAN auf den Stick gestreamt werden, sofern diese den Miracast-Standard unterstützen.

Streaming für alle

Die Verkaufszahlen in den USA zeigen, dass die Kunden daran interessiert sind, Streaming möglichst problemlos auf den eigenen Fernseher zu bekommen. In Deutschland ist Fire TV nach Angaben von Amazon seit dem Verkaufsstart ebenfalls sehr beliebt, und auch Googles Chromecast war ein Erfolg. Waren Set-Top-Boxen hierzulande lange Zeit nur für Pay-TV-Kunden interessant, entdecken offenbar immer mehr Menschen die Vorzüge der Geräte.

Dem deutschen Streaming-Markt tun weitere Alternativen gut: Je attraktiver, intuitiver und preiswerter die Hardware ist, desto mehr Menschen interessieren sich auch für die Streaming-Anbieter. "Es ist noch superfrüh in der Entwicklung", sagt Jorrit Van der Meulen, der bei Amazon für die Geräte-Strategie mitverantwortlich ist. Deshalb sei jetzt der richtige Zeitpunkt, den Fire TV Stick in aufstrebenden Streaming-Märkten wie Deutschland anzubieten. "Je einfacher der Wechsel vom klassischen Fernsehen zu On-Demand gemacht wird, desto mehr Kunden können wir erreichen", sagt Van der Meulen.

Natürlich geht es Amazon nicht nur darum, den VoD-Markt insgesamt anzuheizen. Fire TV und Fire TV Stick sind längst ein wichtiges Puzzleteil im eigenen Ökosystem. Mit dem Kindle hat Amazon das E-Book-Geschäft angekurbelt, mit der Übernahme von twitch.tv die Weichen für Live-Streaming gelegt und mit Prime Unlocked plant man offenbar den Ausbau des eigenen App Stores. Plattformen wie Fire TV bündeln diese Angebote. So bekommen die Fire-TV-Nutzer Amazon-Angebote auch außerhalb von Prime Instant Video angeboten, etwa aktuelle Kinofilme zum kostenpflichtigen Einzelabruf. Streaming ist ein neues Lockmittel, wie Jorrit Van der Meulen zugibt: "Wir verdienen nichts mit dem Verkauf von Geräten, wir verdienen, wenn die Kunden die Geräte nutzen", sagt der Manager.

Das haben auch andere Unternehmen erkannt. Gerüchten zufolge überarbeitet Apple gerade sein in die Jahre gekommenes Apple TV. Eine halbwegs exklusive Kooperation mit dem amerikanischen Kult-Kabelsender HBO wurde erst vor wenigen Wochen gemeinsam mit der Apple Watch angekündigt. Wie es aus Insiderkreisen heißt, könnte Apple TV demnächst neben VoD-Anbietern auch traditionelle Fernsehsender aus dem Netz über die eigene Box streamen. Es wäre die Krönung des sogenannten cord cuttings, der Abschied von Kabeln, Satelliten oder DVB-T.