Demonstration des Bezahlens im Facebook Messenger © Facebook

Der Chat-Dienst Snapchat hat es vorgemacht, jetzt bietet auch Facebook seinen Nutzern die Möglichkeit des elektronischen Bezahlens. Wer anderen Menschen Geld zukommen lassen möchte, muss dafür keine Überweisung bei seiner Bank mehr tätigen oder sich in Dienste wie PayPal einloggen. Es reicht eine Nachricht im Facebook Messenger, wahlweise in der Smartphone-App oder im Browser, mit einem Dollarzeichen und dem gewünschten Betrag.

Die Überweisungen sind kostenlos. Die Voraussetzung ist, dass sowohl Sender als auch Empfänger Karteninformationen bei Facebook hinterlegt haben. Facebook kooperiert mit Visa und Mastercard, allerdings funktioniert der Dienst nur mit Debitkarten, bei denen das Konto sofort belastet wird, und nicht mit Kreditkarten. Die Informationen sollen verschlüsselt sein, Überweisungen über die Messenger-App können mit einem Passwort oder dem Fingerabdrucksensor des Smartphones zusätzlich gesichert werden.

Zunächst soll der Dienst in den USA verfügbar sein. Doch es ist wahrscheinlich, dass Facebook ihn danach in möglichst vielen Ländern anbieten möchte. Im April vergangenen Jahres beantragte das Unternehmen bereits in Irland die Erlaubnis, zum sogenannten E-Geld-Institut zu werden. Eine Genehmigung würde den Weg für den Einsatz in der Europäischen Union ebnen.

Facebook könnte zum Marktplatz werden

Schon länger wurde über die Ambitionen des sozialen Netzwerks spekuliert, was Bezahlung und Verkäufe angeht. Nachdem Facebook vergangenen Sommer den früheren PayPal-CEO David Marcus anheuerte, galt ein Bezahldienst nur noch als eine Frage der Zeit. 500 Millionen Menschen nutzen Facebooks Messenger inzwischen; die kritische Masse für ein erfolgreiches Bezahlsystem wäre gegeben. Und haben erst einmal genug Nutzer ihre Kartendaten hinterlegt, ist der Weg für andere Anwendungen frei.

Zum Beispiel für Spiele. Wie ein Sprecher mitteilte, funktioniert der neue Bezahldienst auch mit den Games auf der Plattform. Die Hürde, um bei beliebten Titeln den ein oder anderen Cent für zusätzliche Extras oder kleine Vorteile lockerzumachen, würde bei einigen Nutzern sicherlich sinken, wenn sie einfach per Chat-Nachricht eine Transaktion durchführen könnten.

Weitreichender wäre Facebooks Wandel von einem sozialen Netzwerk hin zu einem Onlinemarktplatz. Konkrete Pläne sind zwar noch nicht bekannt, doch seit vergangenem Sommer testet die Plattform eine "Kaufen"-Schaltfläche, die direkt neben Werbeanzeigen oder Beiträgen in der Timeline eingeblendet wird. In Verbindung mit dem neuen Bezahldienst werden die Absichten klarer: Facebook will, ähnlich wie Amazon mit seinem 1-Click-Modell, möglichst einfache Einkäufe ermöglichen.

Und Facebook hätte einen Vorteil: Es kennt seine Nutzer sehr genau, noch genauer als Amazon. Über die neue Werbeplattform Atlas werden die Nutzer noch exakter und teilweise über mehrere Websites hinweg verfolgt. Facebook kann somit die Vorlieben der Nutzer noch besser auswerten und noch gezieltere Werbeanzeigen schalten. Würde Facebook die präsentierten Produkte gleich gegen eine entsprechende Vermittlergebühr verkaufen, würde sich das Unternehmen von der alleinigen Finanzierung über Werbung lösen.

Alle wollen wie Amazon sein

Die Facebook-Timeline als neue Shopping-Meile? Klingt seltsam, doch auch andere Dienste verfolgen ähnliche Pläne. Google etwa testet mit Express seit einigen Monaten in ausgewählten US-Städten einen Lieferdienst. Apple hat iTunes und möglicherweise bald einen eigenen Web-TV-Service. Marcus Ohlsen von Wired schreibt: "Während Amazon versucht, mehr wie jeder andere zu sein, versucht jeder, mehr wie Amazon zu sein."

Die Einführung eines Bezahlsystems ist jedenfalls der erste Schritt für Facebook. Um erfolgreich zu sein, muss das Netzwerk die Hürden des Bezahlens möglichst gering halten. Für die Nutzer sind die Pläne ein zweischneidiges Schwert. Nicht nur, weil damit möglicherweise Menschen zu Impuls-Käufen verleitet werden. Gegen ein möglichst einfaches Einkaufserlebnis ist wenig zu sagen. Gegen die Datensammlung, die dafür notwendig ist, allerdings schon. Das Facebook der Zukunft will uns nicht nur an die Daten, sondern auch an die Geldbörse.