Internet Explorer. Schon der Name erinnert an die Zeit, als man vor dem Röhrenbildschirm das Netz noch tab- und appbefreit von Website zu Website erkundete, sich an blinkenden Baustellen-Gifs vorbei zur nächsten GeoCities-Seite vorklickte und ein kräftiges "Yahoo!" ausstieß, wenn das Modem das nächste Bitmap endlich aus der Leitung geschnorchelt hatte.

1995 schickte Microsoft seinen Internet Explorer erstmals ins Rennen. Jetzt, 20 Jahre später, ist Schluss mit dem Browser. Das teilte Marketing-Chef Chris Capossela auf einer Konferenz mit. Im kommenden Betriebssystem Windows 10 soll der IE nur noch als Legacy-Version, also für ältere Anwendungen zum Einsatz kommen. Für den Einsatz im Alltag hat die Marke ausgedient. Mit ihr geht auch der Albtraum aller unfreiwilligen PC-Experten, die mehrmals jährlich die Rechner der Eltern und Schwiegereltern entrümpeln müssen, weil die lieben Verwandten natürlich alle Toolbars installieren müssen und natürlich nicht den Firefox nutzen, den man eigentlich gut sichtbar auf dem Desktop platziert hat.

Dabei begann alles vielversprechend. Mit erhobener Kugelmaus sagten Microsoft und sein Internet Explorer der Konkurrenz von Netscape den Kampf an. Dessen Navigator dominierte ab 1994 das frühe World Wide Web, was Microsoft-Gründer Bill Gates gar nicht gefiel. Mit reichlich Bargeld für die Entwicklung in der Hinterhand und dem bekanntesten PC-Betriebssystem auf dem Markt ging Microsoft in den ersten Browserkrieg.

Der wurde nicht nur virtuell ausgefochten: Als 1997 die vierte Version des IE erschien, karrten Microsoft-Mitarbeiter ein übergroßes IE-Logo über Nacht vor das Netscape-Hauptquartier. Netscape reagierte und stellte einen Mozilla-Dino mit dem Hinweis auf die Marktanteile der Browser dazu: Netscape 72, Microsoft 18. Doch sie unterschätzten die Bequemlichkeit der Windows-Nutzer. Wozu einen Browser installieren, wenn Windows gleich einen mitliefert? Als Microsoft 2001 die Version 6.0 veröffentlichte, dominierte der Internet Explorer bereits 90 Prozent des Browsermarktes und galt als durchaus fortschrittlich.

Ein ZombIE geht um

Was keiner wissen konnte: Microsoft hatte einen ZombIE erschaffen, eine Software, die auf jedem Windows-Rechner lief und deshalb nicht totzukriegen war. Das schnittige, kleine blaue e auf dem Desktop versprach den schnellsten Weg ins Internet. Es lieferte schon bald den schlimmsten Umweg. Ohne ernsthafte Konkurrenz schlurfte der Internet Explorer nur noch von Version zu Version und verschlief zahlreiche Entwicklungen. Sicherheitslücken, schlechte Performance, Crapware von Drittanbietern und mangelnde Unterstützung von Web-Standards brachten den Browser in Verruf.

Die typische Reaktion auf den Internet Explorer

Erst ab 2006 bemühte sich Microsoft wieder ernsthaft um die Weiterentwicklung und gab regelmäßiger Updates raus. Microsoft spottete in den vergangenen Jahren selbst über die alten Versionen, versuchte es mit diversen Werbe- und Imagekampagnen und konnte den Browser ab der Version 10 zumindest technisch wieder einigermaßen hinbiegen. Doch der Schaden – und die Konkurrenz – waren zu stark. Ein EU-Kartellverfahren, weil Microsoft keine freie Browserwahl durchsetzte, tat sein Übriges.

In den vergangenen Jahren machten halbwegs versierte Nutzer einen großen Bogen mit dem Mauszeiger um das Programm. Wer heute tatsächlich auf "Internet Explorer zum Standardbrowser machen" klickt, nutzt vermutlich auch noch MySpace. Allen anderen gilt er nur als Werkzeug, um nach der Windows-Installation einen "richtigen" Browser herunterzuladen. Der aus Netscape hervorgegangene Firefox, Opera, Apples Safari und seit einigen Jahren auch Googles Chrome haben dem IE inzwischen den Rang abgelaufen. Dass er Analysen zufolge immer noch auf einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent kommt, liegt auch daran, dass er noch auf unzähligen alten PCs läuft.

Project Spartan rüstet sich zur Schlacht

Das wird sich in den kommenden Jahren ändern. Der ZombIE bekommt den verdienten Gnadenstoß, auch wenn sich sein Tod noch einige Jahre hinziehen dürfte, bis alle infizierten Rechner vom Netz getrennt sind und Windows 10 und die nachfolgenden Versionen sich durchgesetzt haben. Das Betriebssystem soll in diesem Sommer erscheinen. Der Internet Explorer könnte dann möglicherweise nur noch in der Enterprise-Edition für Unternehmen enthalten sein.

Immer etwas langsamer, der IE...

Für alle anderen Anwender steht der Nachfolger schon bereit. Der Codename lautet Project Spartan, er wurde von Grund auf neu entwickelt und soll Microsoft in den nächsten Browserkrieg führen. Die namentliche Anlehnung an die antike Militärmacht Sparta ist vielleicht als Kampfansage zu verstehen. Vielleicht hat Microsoft aber auch endlich erkannt, dass sie ein kleines strategisches Wunder brauchen, um das Vertrauen der Nutzer zurückzuerobern.